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Streifzüge durch Schwaben 5: Das neue Normal

Wie das 2erloi im Understatement Grundversorgung und Café im Dorf revolutioniert

Projekt: Streifzüge durch Schwaben
Ein junger Mann schaut in die Kamera, er trägt ein Cap und einen Schnauzbart, und lächelt
Markus vom 2erloi, Pionier und Anpacker
© Daniel Delang/Initiative HeimatUnternehmen

Am Cafétresen mit Hipsterbart und Purpose
Daniel fotografiert zuerst die Café-Situation als wir an einem Mittwochmorgen auf unserem Streifzug durch Schwaben ganz früh ins 2erloi kommen. Das junge Team um Markus Brutscher und Laura Popp ist schon ziemlich beschäftigt, Kaffee und Frühstück für die eintrudelnden Familien, Pärchen und Freundinnengrüppchen zu richten. Wir bekommen dabei schöne Szenen vor die Kamera, die eine der aufregenden Ecken im Unterallgäu zeigen, obwohl sie selbst, wie sich im Laufe unseres Besuchs zeigen wird, gar nicht mit ihrer zeitgemäßen Hipness hausieren geht.
Das gibt mir die Chance, Markus, einen der Gründer und Betreiber, nach seiner Motivation zu fragen, bevor er selbst vor Daniels Kamera steht. Der Umweltschutz ist die erste Komponente, die für ihn wichtig ist. Das zweite ist, dass sie nach einer Arbeitserfahrung im Ausland genau daheim, in der Gemeinde Erkheim, etwas verändern wollten. Hier sind sie aufgewachsen und auch weiterhin gut vernetzt.

Nachbarschaft zu Kirche und Rathaus
Ein Leerstand in der zentralen Marktstraße, schräg gegenüber vom Rathaus, war ihnen ins Auge gestochen. Das charmante Gebäude von 1931 mit leichten Jugendstil-Elementen richteten sie im Erdgeschoss für Einzelhandel mit Café ein.
Bürgermeister Christian Seeberger fördert mit der Marktgemeinde junge Gründer, wo es geht. „Wir unterstützen unsere Jungunternehmer im Ort, wo wir können. Dass jemand den Sprung in die Selbständigkeit mit Einzelhandel und Direktvertrieb ohne Internet entscheidet, ist aber eher seltener,“ sagt der Rathauschef. Umso mehr freut es ihn, dass mit dem 2erloi als Unverpacktladen mit Café die Ortsmitte stimmig belebt wird: „Es ist wirklich eine Bereicherung!“

Die Aufwertung der Marktstraße ist ein Herzensprojekt des Bürgermeisters. Aktuell fließen aber viele finanzielle Mittel in das neue Feuerwehrhaus der Marktgemeinde. So ist die Strahlkraft, die vom 2erloi ausgeht, noch wertvoller. „Es ist mit dem Café auch eine Begegnungsstätte entstanden,“ erläutert Seeberger. „Die Betreiber sind jung, das spricht die junge Generation an. Gegenüber liegt aber auch eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz, die wie andere Senioren und Familien auch im 2erloi einkehren. Es für mehrere Generationen attraktiv.“

Was macht das 2erloi aus? Laden, Café, Team, Region
Was im 2erloi sehr gut funktioniert, ist die Mischung aus Café und Unverpacktladen. Beide Bereiche haben Laura und Markus so eingerichtet, dass sich die Gäste wohlfühlen und die Einkaufenden die breite Produktpalette übersichtlich und ansprechend vor Augen haben. Mit Upcycling-Möbeln und ihrem eigenen Unterallgäuer Surfer-Style entsteht eine neue Mischung, die Spaß macht.
Sie selbst sind mit ihrem Team auch eine Inspirationsquelle. Wüssten wir es nicht besser, könnte das 2erloi auch in Giesing oder im Bismarckviertel sein, so ist die Ausstrahlung von Laden und Menschen. Ein Blick auf das Angebot zeigt aber, dass es nur dort liegen kann, wo es liegt: mitten im Unterallgäu, in einer schönen Marktgemeinde mit großen alten, meist landwirtschaftslosen Bauernhöfen, der etwas das Zentrum zu fehlen scheint. Die aber immer wieder über mehrere Initiativen, wie etwa eine Tiny-House-Siedlung und ein Gutshof-Areal mit der Vorgabe Bauen im Bestand von sich reden macht. Und die auch von Lebensmittelproduzenten umgeben ist, deren Waren eben neben anderen Produkten im 2erloi angeboten werden.

Bewusste Zusammenarbeit und Konzentration auf das Wesentliche
Im 2erloi treffen wir zufällig auf Eva, eine Bäuerin, die das Bio-Bauernhof-Eis für das 2erloi macht. Sie ist zum Einkaufen aus einem Teilort von Erkheim hergekommen. Was sie gut findet, ist das persönliche Engagement von Laura und Markus. Nicht nur, dass die beiden überhaupt den Unverpacktladen auf die Beine gestellt haben, sondern auch, dass sie sich immer gut kümmern, zum Beispiel, dass frische Ware da ist bei Brot und Gemüse, und dass der tägliche Bedarf im 2erloi gedeckt werden kann.
„Wenn man mal genau schaut, wie viel man wirklich braucht, beim Backen oder so, dann kann man die Zutaten hier ganz gezielt einkaufen. Es bleibt nichts übrig und es wird nichts schlecht“, sagt sie. Abgesehen davon, dass für ein paar Mandeln und Nüsse eben nicht sofort wieder Plastiktüten anfallen, die viel länger bestehen als der Kuchen aufgegessen ist.

Das genaue Angebot vorzuhalten, ist für einen Einkaufsladen nicht einfach. Markus und Laura waren 2020 unter Corona-Bedingungen gestartet und hatten es noch schwerer, die richtige Menge an Waren auszuwählen. Doch inzwischen hat sich das eingespielt. Wer sich umschaut, findet von allem etwas, aber von keinem zu viel.

Ortsbelebung und ein Sortiment für Local Heros
Bürgermeister Christian Seeberger resümiert: „Es ist ganz, ganz toll, wie sie es betreiben.“ Auch er sieht, was wir bei unserem Besuch sehen können: Es gibt für jeden Bedarf und Geldbeutel etwas zu kaufen, und seien es neben Brot und Paprika auch nur süß-saure Gummischlangen für ein Zehnerle, die unverpackt und biologisch neben der Grillholzkohle auf kleine und große Kunden warten. „Wir verschenken als Gemeinde zum Beispiel gern Einkaufsgutscheine an unsere Jubilare.“ – Seeberger will den Win-Win-Effekt der verschiedenen Standbeine des 2erloi und der Ortskernbelebung verstärken.

Laura und Markus ergänzen ihren Café- und Ladenbetrieb auch immer wieder um Workshops. Bier-Tasting mit einem Bier-Sommelier war zuletzt ein Renner. Eine Community wächst um das 2erloi und gibt dem Ort Impulse.


Wer kommt hierher? Auf jeden Fall keine abgeschlossenen „Bubbles“
Das spürt man auch unter den Gästen. Während eine Freundinnengruppe im Café-Außenbereich noch unter viel Gelächter einen Sekt für das Fotoshooting einfordert, und dann ganz baff ist, als Markus stante pede mit Bio-Secco samt fototauglicher Beerendeko zurück ist, und eine andere Clique noch landtypisch davon berichtet, wer wen wann von welcher Bar beim letzten Festle per Auto heimgebracht hat, und sich hier mit Cappuccino erstmal eine Auszeit nimmt, liegt es in der Luft, dass man in 2erloi auf eine gute Art und Weise willkommen ist.

Typisch öko, ist hier niemand. Bodenständig, charmant und stilprägend ist die Lässigkeit, mit der unaufgeregt verantwortungsvolles Wirtschaften als das neue Normal eingefordert wird. Und so extrem anschlussfähig.

Was wir von unserem Streifzug-Stopp mitnehmen
Beim Sichten der Fotos spüren wir diese Stimmung immer noch. Daniel hat Markus auch dort fotografiert, wo die einfallenden Sonnenstrahlen wie Theaterlicht dramatische Effekte erzeugten. Doch es sind keine inszenierten Fotos entstanden, sondern man spürt: hier meint es einer ernst und macht es auch. Und den möchten wir auf den „Streifzügen durch Schwaben“ zeigen.
Was auch bleibt, ist der unausgesprochene Appell: Das Leben in der Verantwortung leichtnehmen. Ohne Plastik und unnötiges Gedöns. So fühlt es sich an – Atmosphäre genießen, obwohl Kaffeehäuser und Hochglanz-Place-To-Be-Bars weit weg sind. Für dieses spezielle Gefühl muss man ins 2erloi gehen.

Kontakt
2erloi Unverpacktladen und Café
Markstraße 10, 87746 Erkheim
Tel.: 08336/5919732 
E-Mail: info@2erloi.de
https://www.2erloi.de

​Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag & Freitag: 8:00 Uhr - 18:00 Uhr
Mittwoch & Samstag: 8:00 Uhr - 12:30 Uhr

Der Streifzug Günz-Illertal mit dem Rad

Wir ziehen auf unserem Streifzug weiter die Günz entlang nach Norden Richtung Mittelschwaben. Als nächstes wollen wir Patricia Müller in Klosterbeuren (Babenhausen) besuchen, dann zum Museum der Gartenkultur in Illertissen fahren. Zuletzt folgen wir flussaufwärts der Iller wieder bis nach Illerbeuren (Kronburg), wo wir mit Julia und Michael Staudinger, ihrem B&B »D'Kammer« und einer Einkehr im Museumsgasthof des Schwäbischen Bauernhofmuseums enden.
Um Erkheim und das nördliche Unterallgäu zu erkunden, empfiehlt sich zum Beispiel der Günztal-Radweg. Unser nächster Stopp im Unterallgäu ist Klosterbeuren, wohin der Radweg einer iyllischen Strecke flach folgt. Wer unterwegs Zeit hat, mag vielleicht den Mehrgenerationenplatz in Frickenhausen besuchen, wo Landbeleber Christof Wegner mit vielen anderen Menschen tätig ist. Nach Klosterbeuren wechseln wir ins Roth- und Illertal, wo mit dem Iller-Roth-Günz-Radweg oder dem Illerradweg weitere gut ausgebaute Radwegnetze zur Verfügung stehen. Auch kann man zunächst dem Lauf des Flüsschens Roth folgen und von Babenhausen nach Illertissen queren.
Anreise für den Streifzug Günz-Illertal-Runde per Bahn zum Bahnhof Sontheim (Schwaben) und Abreise von Bahnhof Memmingen oder Bahnhof Aichstetten.

Dieser Artikel ist Teil der HeimatUnternehmen-Reportageserie Streifzüge durch Schwaben, die hier insgesamt zu finden ist.

 

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