Vilsbiburg: Zusammenhalt für Wunsch-Projekt
Sage und schreibe 16 Brauereien gab es im 17. Jahrhundert in Vilsbiburg. Eine lebendige Gasthaus-Tradition prägte die Stadt im Landkreis Landshut lange Zeit. Umso schmerzlicher waren die Veränderungen, die nach und nach dazu führten, dass ein großer Teil dieser Tradition verloren ging. Dass jetzt Hand in Hand mit der Bevölkerung daran gearbeitet wird, ein Gasthaus mit Schaubrauerei zu verwirklichen, ist weit mehr als ein Bauvorhaben, um die Innenstadt zu beleben. „Dieses Projekt ist wohltuend identitätsstiftend“, sagt Bürgermeisterin Sibylle Entwistle. „Es ist ein Anknüpfen an Altes in der neuen Zeit.“ Und gleichzeitig ein mutiger Schritt, den Schmerz zu heilen.
Sibylle Entwistle, seit 2020 im Amt, sieht sich als „Mitstreiterin für alle Bürgerinnen und Bürger“. Dabei legt sie großen Wert auf offene Kommunikation und den Austausch mit den Vilsbiburgern, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden. Aus diesem Grund war auch das Brauerei-Projekt von Beginn an von maximaler Transparenz begleitet. Die eigens dafür gedruckte „Vilsbiburger Brauereizeitung“ landete im Sommer 2023 in sämtlichen Briefkästen, Läden und Wirtshäusern. Vorangegangen waren zahlreiche Gespräche und Workshops. Die Tür für alle, die mitgestalten wollten, stand sperrangelweit offen.
Die Brauereizeitung verdeutlichte anschaulich die Vision hinter der Idee: Ein zu Fuß erreichbarer Begegnungsort, ein Raum für Genuss und Gastronomie, Kultur und Austausch, mit einem Biergarten direkt an der Vils, in dem man jederzeit gerne Platz nimmt und sich an der schönen Aussicht erfreut. Ein Ort, der die Innenstadt ebenso bereichert wie die Lebensqualität der Einwohner.
„Wir kommen von der Frage: Wie können wir diese Sehnsucht stillen? Und Gastronomie ist der Gamechanger, was die Innenstadtbelebung betrifft“, erklärt Sibylle Entwistle. „Ein großer Teil der Bevölkerung fand das von Anfang an gut. Und umso weiter wir vorankamen, umso anerkannter wurde unser Projekt.“
Die Bürger wurden von Beginn an intensiv eingebunden. Sehr schnell wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, an der Vertreter aller politischen Fraktionen, aus dem wirtschaftlichen und sozialen Bereich ebenso beteiligt waren wie Ehrenamtliche. So entwickelte sich die Brauerei-Idee basisdemokratisch weiter und mündete in die Gründung einer Genossenschaft im Jahr 2024: Dass sich in der Stadthalle im Lauf dieses denkwürdigen Abends im März auf Anhieb 486 Personen der Genossenschaft anschlossen, zeigt beeindruckend, dass das Projekt „Angerbräu“ spätestens seit diesem Tag von der breiten Bevölkerung mitgetragen wird. Insgesamt wurden bereits zu diesem Zeitpunkt Absichtserklärungen im Umfang von rund 1,8 Millionen Euro unterzeichnet. Ein Anteil beläuft sich dabei auf 1000 Euro, jedes Genossenschaftsmitglied hat eine Stimme – losgelöst von der Zahl der Anteile. Denn auch hier soll sichergestellt werden, dass möglichst viele Menschen mitwirken können.
Im Sommer darauf fiel einstimmig der Stadtratsbeschluss, der die Weichen für die Realisierung des Projekts stellte. Die Entscheidung lieferte gleichzeitig endlich eine Lösung für eine Fläche, die fast 20 Jahre lang eine Brache gewesen war. Mittlerweile ist die Angerbräu Vilsbiburg e.G. ins Handelsregister eingetragen – und es gibt ein offizielles Wappen, auf dem neben Hopfendolden und Getreideähren auch die Vils und der Stadtturm zu sehen sind.
HeimatEntwicklerin Regina Westenthanner hat die Entstehungsgeschichte von Anfang an aktiv begleitet. Sie schätzt an der Kommune, dass es dort eine eigene Vision für die Stadt gibt und gleichzeitig eine große Offenheit für gute Vorschläge da ist. „Allen liegt das Gleiche am Herzen: Dass die Stadt wieder blüht“, sagt Regina Westenthanner.
Obendrein sei es der Bürgermeisterin und ihrem tatkräftigen Team nicht nur wichtig, die Bürger zu beteiligen, sondern sie zu begeistern. Als besonders schönes Beispiel dafür nennt Regina Westenthanner die „Ich bin Brauereibesitzer“-Buttons, die an alle verteilt wurden, die Absichtserklärungen unterzeichneten. Oft sind es die kleinen Dinge, die Menschen in Bewegung bringen.
Nach Ansicht der HeimatEntwicklerin hat die Bürgermeisterin mit ihrer Leidenschaft und ihrem starken Willen, die Stadt wieder zu einem Leuchtturm in der Region zu machen, „einen wahnsinnig guten Weg beschritten“, dem sie nun konsequent folgt „Da entsteht etwas, das Heimat ausmacht“, sagt Regina Westenthanner. „So wird aus Tradition nicht etwas Starres, sondern etwas, das sich mit der modernen Welt verwebt.“
Für Sibylle Entwistle ist wichtig, dass sich das Angerbräu-Projekt wirtschaftlich ausgeht, reich will die Kommune nicht damit werden. „Wir wollen den Menschen hier etwas geben und das gelebte Miteinander an diesem Ort spürbar machen“, sagt die Bürgermeisterin. Gleichzeitig vertraut sie auf die Strahlkraft, die das Ensemble haben wird, und damit verbunden eine positive Auswirkung auf den gesamten Standort.
Ähnlich verhält es sich bei einem weiteren Projekt in der 13.000 Einwohner-Stadt: dem Kulturhaus. In erster Linie geht es der Kommune auch hierbei darum, einen lang gehegten Wunsch der Bürger zu erfüllen und Hand in Hand mit der Bevölkerung einen generationenübergreifenden Ort zu schaffen.
„Für mich ist es ein Privileg, Dinge zu gestalten, die von langer Dauer sind“, sagt Sibylle Entwistle. Das gleicht für sie die Tatsache aus, dass sie als Bürgermeisterin nie Feierabend hat. Allein muss sie sich mit ihrer großen Verantwortung nicht fühlen. Neben einem starken Team im Rathaus kann sie sich auf die Mitwirkung der Vilsbiburger und die Unterstützung der HeimatUnternehmen verlassen. „Viele Köpfe können mehr bewegen als einer“, sagt sie. „Ich bin Demokratin durch und durch.“
Dass in der niederbayerischen Stadt mit dem Bau neuer Treffpunkte gleichzeitig der Zusammenhalt zementiert wird, ist ein offensichtlich beabsichtigter Effekt. „Das ist das Wertvolle daran“, sagt HeimatEntwicklerin Regina Westenthanner. „Es geht darum, dass eine Gesellschaft etwas Gemeinsames hat, woran man miteinander arbeitet, worüber man sich austauscht, worüber man sich auch mal trefflich streiten kann, und dann wieder versöhnlich beieinandersitzt, wo man soziales Leben übt und die Fülle des Lebens begreift. Es geht nicht ums Bier, es geht ums Zusammenleben.“