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Schwerpunkt

„Potenzial entfaltet sich dort, wo junge Menschen ernst genommen werden“

Markus Ott arbeitet mit Jugendlichen aus Stadt und Landkreis und weiß um ihr Potenzial
14. Januar 2026
Jura
© Markus Ott
Zur Person:
Markus Ott leitet den Kreisjugendring Neumarkt i.d.OPf.. Sein Weg in die Jugendarbeit war nicht geradlinig, sondern das Ergebnis persönlicher Erfahrungen, praktischer Arbeit und bewusster Entscheidungen. Nach einer kaufmännischen Ausbildung führte ihn sein Zivildienst zur Lebenshilfe – ein Wendepunkt, der seinen beruflichen Fokus nachhaltig veränderte.

Prägend war auch das familiäre Umfeld: Seine Mutter pflegte zuhause über Jahrzehnte hinweg ihren querschnittsgelähmten Bruder. Trotz körperlicher Einschränkungen war dieser geistig rege und selbstverständlich in das Vereinsleben integriert – Teilhabe und Inklusion wurden so schon früh zu gelebter Realität.

Markus Ott ließ sich zum Erzieher ausbilden, arbeitete in vollstationären Jugendgruppen eines sonderpädagogischen Zentrums, absolvierte eine Zusatzausbildung zum Erlebnispädagogen und studierte begleitend Sozialmanagement in Freiburg. Eine Leitungsfunktion – unter anderem als Leiter eines Kinderheims – folgte, bevor er zum Kreisjugendring Neumarkt wechselte: zunächst als Pädagoge und Netzwerker, später als Geschäftsführer.

Was seine Arbeit bis heute prägt, ist ein klares Credo: Beziehungsarbeit ist die Grundlage jeder gelingenden Entwicklung. Im Gespräch erklärt Markus Ott, warum Jugendliche heute verlässliche Räume brauchen, wie Potenziale aus Vertrauen und Struktur erwachsen – und weshalb Befähigung der Schlüssel für Engagement, Verantwortung und HeimatMehrWert ist.

Herr Ott, wenn wir über Potenzialentfaltung sprechen: Ist Schule dafür ein geeigneter Ort?

Markus Ott: Schule kann Potenzial entfalten – aber das System, wie wir es kennen, tut sich damit schwer. Unser Schulsystem basiert im Kern auf Strukturen aus dem 19. Jahrhundert: Gleichschritt, Vergleichbarkeit, Leistungsdruck. Wenn wir Schule heute neu denken würden, müssten Psychologen, Neurowissenschaftler und Pädagogen gemeinsam überlegen, wie altersgemäßes Lernen wirklich aussieht.

Was heute in Schule funktioniert, hängt stark an einzelnen Lehrkräften. Dort, wo echte Beziehungsarbeit gelingt, kann viel entstehen. Aber insgesamt sehe ich große Probleme: permanenter Druck, unangekündigte Leistungsabfragen, das Prinzip „alle über einen Kamm scheren“. Individualität bleibt dabei oft auf der Strecke.

Potenzialentfaltung steht und fällt mit Beziehung – nicht mit Noten.

Was macht Jugendarbeit im Vergleich dazu so wirksam?

Ott: Die Jugendarbeit hat einen entscheidenden Vorsprung: Sie basiert auf Freiwilligkeit, Mitbestimmung und Ehrenamtlichkeit. Das verändert alles. Junge Menschen kommen nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen.

Wir erleben in der Jugendarbeit unglaublich engagierte junge Menschen. Viele wachsen Schritt für Schritt hinein: erst Teilnehmende, dann übernehmen sie kleine Aufgaben, machen eine Ausbildung – etwa als Gruppenleiter, Jugendwart oder Übungsleiter – und übernehmen später Verantwortung.

Wenn man sie dabei begleitet, ihnen etwas zutraut und ein Umfeld schafft, das Freude macht, entstehen enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Dann wachsen die Ehrenamtlichen von morgen ganz selbstverständlich heran.

Gebt jungen Menschen Verantwortung – aber lasst sie dabei nicht allein.

Welche Rolle spielen dabei Strukturen wie der Kreisjugendring?

Ott: Eine zentrale. Ehrenamt braucht professionelle Rückendeckung. Wenn Hauptamtliche fehlen, schneiden sich Vereine langfristig selbst die Wurzeln ab. Ehrenamtliche stehen unter zunehmendem rechtlichem, organisatorischem und emotionalem Druck – das hält niemand lange aus.

Der Kreisjugendring oder auch gemeindliche Jugendpfleger schaffen Sicherheit: rechtlich, pädagogisch, finanziell. Ich vergleiche das gern so: Die Jugendpfleger sind die Landärzte vor Ort, wir als Kreisjugendring sind das Klinikum im Zentrum.

 

Was brauchen junge Menschen konkret, um sich einzubringen und zu entfalten?

Ott: Zunächst eine positive, wertschätzende Grundhaltung. Junge Menschen müssen spüren: Ich werde ernst genommen, ich darf mitgestalten. Dazu braucht es einen klaren Rahmen, der Halt gibt – und zugleich Freude macht.

Potenzial entfaltet sich nicht durch Belehrung, sondern durch Erleben. Ob Feuerwehr, Sportverein oder Kulturprojekt: Wenn junge Menschen Verantwortung übernehmen dürfen, begleitet werden und merken, dass ihr Tun Sinn hat, entsteht Motivation fast von selbst.

 

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Ott: In der Jugendfeuerwehr haben wir erlebt, wie stark dieser Ansatz wirkt. Jugendliche durchlaufen erst selbst alle Stationen, werden dann früh als Jugendwarte eingebunden, bekommen Vertrauen und Verantwortung. Niemand wird ins kalte Wasser geworfen – Begleitung ist immer da.

Das Ergebnis: stabile Gruppen, hohe Identifikation und ein natürlicher Übergang in Verantwortung. Heute kommen sogar Kinder aus dem angrenzenden Stadtgebiet zu unserer ländlichen Kinder- und Jugendfeuerwehr, wir haben Wartelisten. Und unser Vorstand ist zur Hälfte mit jungen Menschen besetzt, viele direkt aus der Jugendarbeit heraus.

Viele Erwachsene sagen: Jugendlichen geht es doch gut, sie haben alle Möglichkeiten. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ott: Es gibt junge Menschen, die mögen diese „große bunte Welt“ mit all ihren umfassenden Möglichkeiten und sie finden sich gut darin zurecht. Wir erleben aber auch  viele junge Menschen, die heute massiv belastet sind. Ganztagsschule, Leistungsdruck, Nachhilfe, Individualisierung, ständige Erreichbarkeit – dazu kommen Zukunftsängste, Krisen, Kriege, Klimawandel.

Seit Corona sehen wir einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen. Und dieser Trend hält an. Gleichzeitig vereinsamen viele Jugendliche durch exzessive Mediennutzung. Social Media verbindet – aber es isoliert auch.

 

Wie begegnet ihr diesen Herausforderungen?

Ott: Mit niedrigschwelligen, ehrlichen Angeboten. Wir setzen stark auf Teilhabe, gerade auch für junge Menschen aus finanziell belasteten Familien. Unser Jugendfonds ermöglicht es, unbürokratisch zu helfen – etwa bei Vereinsausrüstung, Fahrten oder Sprachreisen.

Es geht darum, niemanden bloßzustellen. Teilhabe darf nicht beschämen. Wenn ein Kind im Verein mitmachen will, dann soll es dazugehören – ganzheitlich und von Herzen.

 

Welche Bedeutung haben Demokratie und Mitbestimmung in Ihrer Arbeit?

Ott: Eine zentrale. Kreisjugendringe wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Gegenpol zur Hitlerjugend gegründet. Demokratie ist unsere DNA.

Junge Menschen wollen mitgestalten – das zeigen Studien immer wieder. Wer früh erlebt, dass seine Stimme zählt, bleibt engagiert. Vereine, Kommunen und letztlich unsere Gesellschaft profitieren davon enorm.

Jugendarbeit ist gelebte Demokratie.

Welche Rolle spielen Angebote wie Sprachreisen, Sommercampus oder Naturcamps?

Ott: Sie erweitern Horizonte. Alexander von Humboldt sagte sinngemäß: Nichts ist gefährlicher als die Weltanschauung derer, die die Welt nicht gesehen haben.

Reisen, Naturerfahrungen, Medienprojekte oder Kunstangebote ermöglichen jungen Menschen, sich selbst und die Welt neu zu entdecken. Besonders Natur- und Erlebnispädagogik wirken stark: Wer Natur erlebt, schützt sie – ganz ohne moralischen Zeigefinger.

 

Muss am Ende immer ein sichtbares Ergebnis stehen?

Ott: Nicht immer. Es braucht beides: Phasen, in denen etwas entsteht – und Phasen, in denen einfach Raum da ist. Jugendtreffs, Langeweile, Nichtstun.

Kreativität braucht Zeit. Unser Gehirn ist heute permanent überlastet. Natur, Ruhe und echte Begegnung wirken nachweislich stabilisierend – für Jugendliche wie für Erwachsene.

 

Herr Ott, die Initiative HeimatUnternehmen spricht von Menschen, die Mehrwert für andere schaffen – oft kreativ, unternehmerisch und aus eigener Motivation heraus. Sehen Sie solche Potenziale auch bei Jugendlichen?

Ott: Absolut. Junge Menschen wollen gestalten – nicht nur mitmachen. Wenn wir ihnen zutrauen, Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen, dann entsteht genau dieser HeimatMehrWert, wie Sie das nennen.

Viele denken bei Jugendarbeit zuerst an Betreuung oder Freizeitangebote. Aber im Kern geht es um Befähigung und Selbstwirksamkeit: junge Menschen darin zu unterstützen, eigene Ideen zu entwickeln, Projekte umzusetzen und Wirkung zu erzeugen – für sich selbst und für andere.

 

Berühren sich Jugendarbeit und unternehmerisches Denken?

Ott: Sehr stark – auch wenn wir es oft nicht so nennen. Wer ein Jugendprojekt plant, organisiert Ressourcen, kalkuliert Budgets, verhandelt mit Partnern, übernimmt Verantwortung und lernt aus Fehlern. Das sind klassische unternehmerische Kompetenzen.

Der Unterschied: In der Jugendarbeit steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern der gesellschaftliche Mehrwert. Genau hier sehe ich die Schnittstelle zu den HeimatUnternehmen: Menschen, die aus innerer Motivation heraus etwas aufbauen, das anderen nützt und die Region stärkt.

 

Können Sie ein Beispiel nennen, wie aus Engagement HeimatMehrWert entsteht?

Ott: Ob bei einer Jugendfeuerwehr, einem Kulturprojekt, einer Medieninitiative oder einem Naturcamp – überall dort, wo junge Menschen Verantwortung übernehmen, entsteht Mehrwert: für die Gemeinschaft, für den Ort, für das Zusammenleben. Inzwischen gibt es Firmen in Neumarkt, die ihre Azubis für Projekte des KJRs freistellen, damit diese dort ihre sozialen Kompetenzen einbringen oder verbessern können. Viele Ausbilder achten bei der Auswahl ihrer Azubis immer mehr auf ihr Engagement im Ehrenamt statt auf Noten.

Viele dieser Jugendlichen entwickeln später Projekte, gründen Initiativen, Vereine oder sogar Unternehmen. Nicht trotz der Jugendarbeit – sondern wegen dieser Erfahrungen. Sie haben gelernt: Ich kann Ideen in die Realität bringen.

 

Welche Rolle spielen Kommunen und Strukturen dabei?

Ott: Eine entscheidende. Wenn Kommunen junge Menschen früh einbinden, ihnen Gestaltungsspielräume geben und professionelle Begleitung ermöglichen, investieren sie in ihre eigene Zukunftsfähigkeit.

HeimatUnternehmen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie brauchen ein Umfeld, das kreatives Denken, Verantwortung und Gemeinsinn zulässt. Jugendarbeit ist dafür oft der erste Resonanzraum.

Wer junge Menschen befähigt, investiert in die unternehmerische und soziale Zukunft seiner Region.

Viele junge Menschen verlassen ihre Heimat – Ausbildung, Studium, neue Möglichkeiten. Wie kann dennoch Bindung entstehen?

Ott: Bindung entsteht nicht durch Festhalten, sondern durch Verbundenheit. Wenn junge Menschen erleben, dass sie hier ernst genommen werden, kommen viele auch zurück – mit neuen Ideen, neuen Kompetenzen und dem Wunsch, etwas aufzubauen.

Genau hier liegt der große Mehrwert für Regionen: Junge Menschen, die weggehen durften – und zurückkommen wollen, weil sie wissen, dass sie hier gestalten können.

 

Was würden Sie Entscheidungsträgern mitgeben, die HeimatMehrWert fördern wollen?

Ott: Hört jungen Menschen ehrlich und aufmerksam zu. Gebt ihnen Verantwortung. Und schafft Strukturen, die Begleitung statt Kontrolle bieten.

Potenzialentfaltung, Engagement und unternehmerisches Denken sind keine Gegensätze – sie sind Teil desselben Prozesses. Heimat wird dann lebendig, wenn Menschen – egal welchen Alters – das Gefühl haben: Ich werde gebraucht.

 

Zum Schluss: Was braucht es auf gesellschaftlicher Ebene?

Professionelle Strukturen, verlässliche Finanzierung und die klare wohlwollende Haltung, dass Jugendarbeit keine freiwillige Kür ist, sondern eine zentrale Zukunftsinvestition. So wie wir für Gebäude Architekten brauchen, brauchen wir im sozialen Bereich Fachkräfte. Potenzialentfaltung passiert nicht zufällig – sie braucht Haltung, Räume und Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Herr Ott, wir danken Ihnen für das Gespräch!