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Schwerpunkt

Ein Raum, der trägt – Jugendliche begleiten und fördern

Ein Blick hinter die Kulissen der WERKSTØD
14. Januar 2026
Bayerischer Wald
© Marco Lorenz

Was junge Menschen brauchen, um sich zu entfalten, haben sie in der WERKSTØD selbst formuliert: In einem gemeinsam erarbeiteten SelbstFAIRständnis beschreiben Jugendliche, wofür dieser Ort steht: für Offenheit, Toleranz und ein respektvolles Miteinander. Die WERKSTØD, ein Jugend- und Kulturzentrum in Viechtach, versteht sich als diskriminierungsfreier Raum, in dem Meinungsvielfalt möglich ist, ohne dass rückschrittliche oder ausgrenzende Haltungen Platz haben. Freiheiten sollen respektiert werden – und gleichzeitig eine solidarische Gemeinschaft entstehen.

Diese Haltung ist keine bloße Theorie. Sie prägt den Alltag der WERKSTØD und macht sie zu einem Schutz- und Freiraum für junge Menschen. Hier können sie sich austauschen, aktiv sein, abschalten oder sich auch einmal zurückziehen. Unterschiedliche Bereiche eröffnen Möglichkeiten zum Auspowern ebenso wie zur Ruhe. Nachhaltigkeit zu leben, Bildung zu fördern und sich durch kritischen Diskurs weiterzuentwickeln, gehört dabei ausdrücklich zum Selbstverständnis. Veränderung wird nicht verordnet, sondern gemeinsam gestaltet – über Beteiligungsplattformen, die jungen Menschen echte Mitsprache ermöglichen. Und die ist nach Auffassung des städtischen Jugendpflegers Marco Lorenz absolut entscheidend fürs Gelingen. 

Kurze Wege ermöglichen direkte Mitbestimmung

Dass das beteiligende Konzept trägt, zeigt sich nicht zuletzt in der Vielfalt der Angebote. Die WERKSTØD ist Treffpunkt und Werkraum zugleich. Jugendliche kommen hier ungezwungen zusammen, spielen Dart, Billard oder Brettspiele, besprechen aber auch konkrete Projekte oder arbeiten gemeinsam an schulischen und außerschulischen Ideen. Der Raum selbst, vom Inventar bis zur Nutzung, wird von ihnen mitbestimmt und gestaltet. So entsteht ein Ort, der sich stetig wandelt – abhängig von den Menschen, die ihn gerade nutzen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Veranstaltungen. Jugendliche planen und realisieren große und kleine Formate selbst: vom World Women’s Day über die ReparaturWERKSTØDs bis hin zu Kleidertauschbörsen. Hinzu kommen zahlreiche Musik- und Kulturveranstaltungen, die stilistisch kaum Grenzen kennen – von HipHop über Heavy Metal bis Punk Rock. Auch der sportliche Bereich ist fest verankert: Eine Boulderhalle wird gemeinsam entworfen, gebaut und genutzt. Immer steht dabei ein Prinzip im Vordergrund: Die Interessen der jungen Menschen werden gehört, Projekte werden gemeinsam angestoßen und so selbstverwaltet wie möglich umgesetzt.

Gerade im ländlichen Raum entfaltet diese Form der Jugendarbeit laut Marco Lorenz besondere Wirkung. Kurze Wege in den Kommunen ermöglichen direkte Mitbestimmung, Entscheidungen können schneller getroffen werden als in komplexen städtischen Strukturen. Gleichzeitig gibt es viel Platz: Freiflächen, auf denen junge Menschen kreativ werden können. Projekte wie ein gemeinsam gebauter Bikepark oder eine Grillstelle zeigen, was möglich ist, wenn Jugendliche ernst genommen und aktiv einbezogen werden.

Denn darum geht es dem Diplom-Pädagogen in erster Linie: Jugendarbeit ist für ihn Jugendbeteiligung und die Gestaltung von Angeboten eine gemeinsame Entwicklung aus einer Bewegung heraus. Ganz folgerichtig heißt es deshalb auch „moveVit – beweg Viechtach“. 

Dabei bewegt sich Jugendarbeit nicht im luftleeren Raum. Junge Menschen sind nach Ansicht von Marco Lorenz ein Spiegel der Gesellschaft. Globale Krisen, Kriege, Klimawandel und die Vielzahl weltweiter Entwicklungen verunsichern sie. Orientierungslosigkeit und der Wunsch nach Sicherheit sind spürbar. Umso wichtiger sind Orte wie die WERKSTØD, die Halt geben – durch verlässliche Strukturen, durch das Gefühl, gewollt zu sein, und durch Erwachsene, die zuhören. Themen der Zukunft werden hier nicht ausgeblendet, sondern gemeinsam besprochen und kritisch hinterfragt, auch mit Blick auf den Umgang mit sozialen Medien und globalen Zusammenhängen.

Junge Menschen brauchen Augenhöhe

Zentral ist dabei der persönliche Kontakt. Junge Menschen brauchen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die ein offenes Ohr haben, sie ernst nehmen und ihnen auf Augenhöhe begegnen. Diese Aufgabe ist auch gesetzlich verankert: Kommunen sind verpflichtet, Angebote für junge Menschen bereitzustellen. Entscheidend ist jedoch, wie diese Angebote ausgestaltet sind. Fachkräfte der Jugendarbeit spielen hier eine Schlüsselrolle, indem sie Bedarfe erkennen, Wünsche aufnehmen und gemeinsam mit den Jugendlichen umsetzen – seien es Treffpunkte, Materialien oder Diskussionsformate. „Egal was es ist, es muss eine Infrastruktur geben, die für die jungen Menschen als Anlaufpunkt dienen kann“, erklärt Marco Lorenz. „Und dazu braucht es Kommunen, die junge Menschen als Potenzial und als Standortfaktor sehen. Wenn der politische Wille da ist, ist vieles machbar.“

In Viechtach ist das geglückt – und mehr als das: Die WERKSTØD zeigt, was gelingen kann, wenn junge Menschen nicht nur Zielgruppe, sondern aktive Gestalterinnen und Gestalter sind, die so selbstständig wie möglich agieren dürfen. Sie ist ein Ort des Lernens, des Ausprobierens und des Zusammenhalts – und damit ein Beispiel dafür, wie Begleitung und Förderung junger Menschen wirkungsvoll umgesetzt werden können: zuhören, beteiligen, Raum geben und gemeinsam Zukunft entwickeln.


Wir haben Jugendliche gefragt, was sie sich von der Zukunft erhoffen. Hier kommt eine kleine Auswahl der Antworten: 

Man spricht ständig über unsere Generation, aber viel zu selten auf Augenhöhe mit uns. Und wenn wir uns dann Gehör verschaffen, wird unsere Kritik oft als ‚jugendliche Naivität‘ oder ‚Unerfahrenheit‘ abgetan. Wir wollen nicht nur als Thema in Talkshows vorkommen, sondern als ernstzunehmende Gesprächspartner akzeptiert werden.
Unsere Perspektive ist untrennbar mit dem ständigen Wandel verbunden. Wir hoffen darauf, Arbeit und Leben flexibler zu gestalten, als es Generationen vor uns konnten. Für uns steht nicht mehr die blinde Leistungskultur im Vordergrund, sondern eine gesunde Work-Life-Balance und der Schutz unserer mentalen Gesundheit. Wir wollen arbeiten, um zu leben – und dabei gesund bleiben.
Meine Hoffnung für die Zukunft ist eine Gesellschaft, die den Mut hat, hinzusehen statt wegzusehen. Eine Perspektive für meine Generation gibt es nur, wenn wir unsere Augen nicht vor Ungerechtigkeit verschließen – sei es vor Rassismus und der Ausgrenzung von Minderheiten im eigenen Land oder vor dem Leid durch Kriege weltweit. Ich sehe meine Zukunft in einer Welt, die Sichtbarkeit für alle schafft und Gerechtigkeit nicht als Option, sondern als Fundament begreift. Wir dürfen uns nicht an Unrecht gewöhnen, sondern müssen aktiv für eine offene und friedliche Gesellschaft einstehen.