„Jeder Mensch hat Stärken“
Wenn Sie sagen, Sie sind für mehrere Schulen da – von wie vielen Schülerinnen und Schülern sprechen wir dann zirka?
Tobias Sandweger: Das ist tatsächlich eine sehr gute Frage. Da muss ich kurz spicken, wie viele Schüler ich momentan betreue. (Wirft einen schnellen Blick in seine Unterlagen) Also aktuell sind bei mir 453 Schüler bzw. junge Leute gemeldet. Wow! Das ist eine ganz schöne Menge.
Allerdings! Wie hält man da den Überblick?
Tobias Sandweger: Ich war von dieser Zahl gerade selbst ein bisschen überrascht. Man merkt sich natürlich nicht sofort alle Namen, aber in der Regel begleitet man die Schülerinnen und Schüler ja für gewisse Zeit. Und bei manchen weiß ich tatsächlich sogar Jahre später noch, wie sie hießen und welche Ausbildung sie gemacht haben.
Wenn Sie die Schüler vor sich haben, woran erkennen Sie deren Stärken und Talente? Vielen jungen Leuten sind ihre Qualitäten ja oft selbst nicht bewusst.
Tobias Sandweger: Erst heute war ich wieder in einer Klasse und habe mir genau diese Frage auch gestellt. Tatsächlich erkennt man es bei manchen sofort, da ist es wirklich gleich der erste Eindruck, den man von den Schülern bekommt, die Art, wie sie zur Tür hereinkommen oder den Blick halten. Und dann natürlich, wenn jemand sehr kommunikativ ist und wohlüberlegte Antworten gibt. In anderen Fällen ist es nicht ganz so leicht, wenn ein Schüler zum Beispiel wenig spricht und sich vor allem etwas von mir erzählen lässt. Es ist oft die größte Herausforderung, den Jugendlichen überhaupt erst einmal bewusst zu machen, was sie können. Eine Antwort auf die Fragen finden: Worin bin ich gut, was kann ich gut? Die Berufsberatung lebt deshalb davon, dass man die jungen Leute über einen längeren Zeitraum begleitet. Das kann sich durchaus über zwei Schuljahre hinziehen und das macht Sinn, weil die Schüler in einem Alter sind, in dem sich unglaublich viel tut. Es ist immer schön zu sehen, welche Entwicklung sie in dieser Zeit machen, insbesondere der Sprung von der vorletzten auf die letzte Klasse.
Welche Rollen spielen denn Persönlichkeit und Umfeld im Vergleich zu den Noten?
Tobias Sandweger: Ich bin mittlerweile dafür bekannt, dass ich Noten keinen allzu großen Stellenwert beimesse. Das hat einfach die Erfahrung immer wieder gezeigt. Es gab Schüler, die hatten konkrete Berufswünsche, aber eigentlich nicht die passenden Noten dafür, da habe ich dann gesagt, wie wäre es denn mit einem Plan B? Doch die hatten Beharrlichkeit und Willen, die wollten keinen Plan B und haben es dann am Ende auch geschafft. Noten können auf jeden Fall ein grobes Bild vermitteln, zum Beispiel, wie fleißig jemand war oder ob er zum Beispiel in einem bestimmten Fach eher Stärken hat als in einem anderen. Aber ich sage immer zu den Jugendlichen: Es geht ums Gesamtpaket, um alles, was ihr mitbringt. Da spielt dann eher die Zeugnisbemerkung mit rein, die oft mehr zählt als die Noten. Aus diesem Grund bemühen sich auch viele Schüler um eine gute Bemerkung – dass da nicht einfach drinsteht „stets bemüht“, sondern dass jemand ausdauernd mitgearbeitet hat, sich aktiv beteiligt und gut in die Klassengemeinschaft eingebracht hat. Da sind wir dann im Bereich der Teamfähigkeit, auf die Arbeitgeber großen Wert legen.
Was das Umfeld anbelangt: Ich habe mit Jugendlichen aus allen Bereichen zu tun – auch mit Migrationshintergrund oder aus finanziell nicht so gut aufgestellten Familien. Und da muss ich den Eltern ein Kompliment machen: Die unterstützen so gut sie können und vermitteln ihren Kindern: Hey, nur weil es bei uns nicht geklappt hat mit dem Traumberuf, heißt das nicht, dass es bei dir genauso laufen muss! Die Betriebe haben mittlerweile auch andere Vorstellungen und sind offener. Jeder, der sich bemüht, hat die Möglichkeit, eine gute Ausbildungsstelle zu bekommen. Und das bestätigt mich in meiner Haltung: Noten sind nur ein Puzzleteil, nicht das große Ganze.
Zumal schlechte Noten leider oft dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler sich für „talentlos“ halten. Wie gehen Sie mit solchen Jugendlichen um?
Tobias Sandweger: Da sehe ich meinen Job erst einmal darin, sie aufzubauen. Jeder Mensch hat Stärken, es gibt niemanden, der gar kein Talent hat. Das vergessen manche Jugendlichen leider, wenn sie gerade eine schlechte Phase durchmachen. Da motiviere und bestärke ich sie dann. Und wenn jemand eine Art Beweis dafür braucht, dass er auch etwas kann, nutzen wir in der Berufsberatung zum Beispiel auch einen Stärkentest wie Check you, den kann jeder einfach mal machen. Da werden auch Punkte abgefragt, die in der Schule eher nicht abgefragt werden und man findet mehr über sich selbst und seine Fähigkeiten heraus. Vor allem bleibe ich an jungen Leuten, die ein wenig niedergeschlagen sind, dran. Da sucht man dann mal zusammen nach einem Praktikumsplatz und wenn das gut läuft, gibt das neues Selbstvertrauen. Da ist es natürlich von großer Bedeutung, dass sich die Betriebe bemühen, den Schülern bei Praktika einen guten Eindruck vom Berufsbild zu vermitteln.
Gibt es typische Fähigkeiten oder "Soft Skills", die junge Menschen häufig unterschätzen, die aber beruflich sehr wertvoll sind?
Tobias Sandweger: Dass Teamfähigkeit wichtig ist, ist den meisten Jugendlichen inzwischen bewusst. Selbst wenn sie mal in einem Beruf arbeiten, in dem sie nicht mit Kunden zu tun haben, haben sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Kolleginnen und Kollegen. Aber auch Soft Skills wie Pünktlichkeit – ich versuche den Schülern immer klarzumachen, dass sie mit solchen vermeintlichen Kleinigkeiten dazu beitragen können, dass sie eine gute Ausbildungszeit durchleben und nicht jeden Tag Stress mit dem Chef haben.
Eine wertvolle Eigenschaft ist es auch, gut zuhören zu können. Aufmerksam zu sein, wenn einem etwas erklärt wird, nicht ständig mit einem Ohr woanders zu sein. Ruhig, besonnen und konzentriert bei der Sache bleiben zu können, auch das ist eine Stärke, die viele junge Leute möglicherweise zunächst gar nicht als Stärke wahrnehmen.
Welche Fehler beobachten Sie am häufigsten bei der Berufswahl und wie kann man die vermeiden?
Tobias Sandweger: Immer wieder mal setzen sich Jugendliche zu wenig mit den Themen auseinander. Sie müssen begreifen, dass die eigentliche Arbeit schon vor Beginn des allerersten Praktikums losgeht. Indem man sich zum Beispiel über das Unternehmen informiert und sich klar macht, warum man jetzt genau diesen Beruf ausprobieren möchte. Manche warten, bis die Lehrer sagen „Bis zu diesem Datum brauche ich eure Praktikumszettel!“ und dann müssen die Eltern kurz vor Ablauf der Frist schnell noch ein Praktikum organisieren. Sich rechtzeitig zu überlegen, wo man sein Praktikum macht und was man davon erwartet, das wird manchmal zu wenig berücksichtigt. Und wenn es dann auf die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz zugeht, darf man auch nicht bis kurz vor den Abschlussprüfungen trödeln und dann erwarten, dass man noch seine Wunschausbildung bekommt.
Wie erleben Sie die Unternehmen? Sind die nach wie vor aufgeschlossen für Praktikanten?
Tobias Sandweger: Wenn man allein die Mittelschulen nimmt – die haben teils vier Praktika innerhalb eines Jahres. Und inzwischen haben auch die Realschulen und Gymnasien Praktika. Das führt sicher dazu, dass es in manchen Betrieben kaum eine Woche gibt, in der kein Praktikant da ist. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es die Mitarbeiter manchmal ein wenig anstrengend finden, immer wieder dasselbe erklären zu müssen. Umgekehrt ist es wichtig, dass die Schüler einen guten Eindruck vom Beruf bekommen. In einem Friseursalon muss man verständlicherweise als Praktikant vor allem Haare zusammenkehren und darf nicht schneiden, dann ist es toll, wenn die Mitarbeiter ein wenig von ihrer täglichen Arbeit erzählen und davon, wie ihr eigener Werdegang war, damit man ein Bild davon bekommt, was alles zum Beruf gehört. Grundsätzlich stelle ich fest, dass die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ungebrochen ist, ich muss mir hier um meine Jugendlichen keine Sorgen machen. Den Unternehmen ist bewusst, wenn sie heute in junge Menschen investieren, sichern sie langfristig Potential und gut qualifiziertes Personal.
Hat Social Media einen Einfluss auf die Berufsorientierung?
Tobias Sandweger: Mein Eindruck ist, das spielt noch eine untergeordnete Rolle. Die Schüler verlassen sich nach wie vor mehr auf reale Kontakte, zum Beispiel darauf, was ihnen von Freunden berichtet wird, von der Familie und vom Bekanntenkreis. Oder eben auf Erfahrungen von Mitschülern, wenn die ein Praktikum hatten und danach ein Referat darüber halten. Die jungen Leute gehen mit Social Media sehr differenziert um. Manche glauben, Jugendliche wollen alle Influencer und TikToker werden. Da kann ich beruhigen. Diesen Berufswunsch hatte ich bislang äußerst selten. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass manche zum Beispiel im Bereich Content-Creating Fuß fassen. Aber dieser Wunsch ist tatsächlich nicht sehr verbreitet. Die meisten in meiner Region haben realistische und auch wirklich bodenständige Wünsche. Sie sind fleißig und auch bereit, etwas dafür zu tun, wenn sie einen bestimmten Berufswunsch haben.
Welche Bedeutung messen Sie dem Ehrenamt bei der Entwicklung einer Berufsidee bei?
Tobias Sandweger: Das spielt eine große Rolle. Wenn jemand zum Beispiel bei der Wasserwacht oder der Feuerwehr ist, bringt er jede Menge mit, wenn er später mal in Richtung Rettungssanitäter gehen möchte. In manchen Vereinen wird auch sehr früh technisches Verständnis gefördert. Darüber hinaus knüpfen die jungen Leute Kontakte und lernen, sich einzubringen. Das gilt auch für Neben- oder Ferienjobs. Wenn ich im Sommer in der örtlichen Eisdiele jobbe, komme ich mit vielen Menschen in Berührung. Da sammelt man Erfahrungen, die einem später zugutekommen. Und es macht einen guten Eindruck, wenn man sich engagiert.
Raten Sie jungen Menschen manchmal auch dazu, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?
Tobias Sandweger: Tatsächlich spreche ich das mit der Selbstständigkeit durchaus immer wieder einmal an. Vor allem in den Handwerksberufen. Da wissen die jungen Leute, dass sie mal einen Meister machen können und sagen oft schon im Berufsberatungsgespräch, dass sie das kaum erwarten können. Manche würden den Meister am liebsten direkt im Anschluss an ihre Ausbildung machen. Einfach, um keine Zeit zu verlieren und möglichst schnell ihr eigener Chef zu sein. An einer Selbstständigkeit hängt natürlich viel Verantwortung dran. Aber der Wille dazu ist bei vielen da. Das ist vielleicht ein wenig das Thema der jungen Generationen: Sie möchten nicht unbedingt in den bestehenden Strukturen drin sein, sondern gern dem Ganzen ihren eigenen Stempel aufdrücken und Dinge verändern. Und das kann man natürlich am ehesten, wenn man sich selbstständig macht. Ich hatte schon Jungs in der Beratung, die sich unmittelbar nach der mittleren Reife selbstständig gemacht haben. Die waren sehr selbstbewusst und hatten bereits während der Schulzeit zu arbeiten angefangen. Die zwei haben das dann durchgezogen, mit dem Segen ihrer Eltern. Sie sind jetzt seit rund drei Jahren aus der Schule raus und das Geschäft läuft immer noch.
Gibt es aus Ihrer Sicht so eine Art Unternehmerpersönlichkeit, die man hat oder nicht hat?
Tobias Sandweger: Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Unternehmerpersönlichkeiten wissen genau, was sie wollen. Die beeindrucken mich oft mit ihrer Klarheit. Mit dieser Haltung „Ich weiß, was ich kann“. Und da bin ich dann der Letzte, der ihnen das absprechen würde.
Was raten Sie jungen Leuten, die Angst haben, eine falsche Entscheidung zu treffen?
Tobias Sandweger: Ich sage immer, sie können keine wirklich falsche Entscheidung treffen. Denn für jede Entscheidung gibt es immer nochmal so eine Art Notausgang. Ich bin niemand, der der Meinung ist, man muss eine Ausbildung, die einem nicht gefällt, auf Biegen und Brechen durchziehen. Dafür ist die Zeit eigentlich zu schade. Wir reden ja von drei Jahren. Wenn ich mich im Dezember oder Januar für eine andere Ausbildung ab dem Folgejahr bewerbe, dann bekomme ich in der Regel auch eine Stelle und mache ab September einen Neustart. Dasselbe gilt für das Thema Ausbildung oder FOS. Ich sage den jungen Leuten, dass sei beides machen können. Man kann eine Ausbildung ausprobieren und wenn man feststellt, dass man damit unglücklich ist, wechselt man im Folgejahr auf die FOS, da muss man sich einfach nur anmelden. Und umgekehrt dasselbe: Wenn man auf der FOS ist und spürt, das ist nicht das Richtige, wechselt man in eine Ausbildung. Viele sind oft sogar erst dann offen für eine Lehre.
Was würden Sie abschließend gern allen jungen Menschen mit auf den Weg geben?
Tobias Sandweger: Die Jugendlichen – aber auch wir alle – sollten uns weniger Sorgen machen. Es ist genug Potential da. Es gibt genug fähige, willige, motivierte, tolle junge Menschen, die die Säulen der Zukunft sein werden. Davon bin ich fest überzeugt.
TOBIAS SANDWEGER ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Deggendorf. Er ist für fünf verschiedene Schulen zuständig, vier Mittelschulen und eine Realschule. Die Agentur deckt mit ihrem Berater-Team alle Schulen in den Landkreisen Deggendorf, Straubing-Bogen und Regen ab. Die Berufsberatung unterstützt junge Menschen dabei, ihre Stärken zu erkennen und fundierte Entscheidungen zu treffen – als Grundlage für einen erfolgreichen Einstieg in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Dazu werden eine Vielzahl berufsorientierter Veranstaltungen sowie Erst- und Folgeberatungen an allen Schulformen angeboten. Auch junge Menschen, die die Schule bereits verlassen haben, erhalten Angebote und Unterstützung.
Kontakt: Deggendorf.Berufsberatung@arbeitsagentur.de
Weitere Infos: http://www.arbeitsagentur.de/