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Schwerpunkt

„Genossenschaften bringen Menschen vom ICH zum WIR“

Im Gespräch mit Christian Skrodzki – Genossenschaftsexperte und leidenschaftlicher Gestalter
26. Februar 2026
Allgäu
© HeimatUnternehmen Bayern
Was hat dich persönlich dazu gebracht, dich mit Genossenschaften zu befassen und heute als Spezialist die Gründung von Genossenschaften zu begleiten?

Christian Skrodzki: Den ersten positiven Kontakt mit Genossenschaften hatte ich bereits im Kindesalter beim Schulsparen in der Grundschule. Wenn in Deinem Sparfach Geld drin war, hat Dich der Banker mit Geschenken belohnt.

Das war aber nicht der Grund, weshalb ich nach meiner Schulzeit eine Ausbildung bei einer Genossenschaftsbank gemacht habe. Es war mehr Zufall, denn Planung. Ich hatte aber das Glück, dass ich in einer Vorzeigebank, die das Thema Genossenschaft gelebt hat, eine Lehre zum Genossenschafts-Banker absolviert habe.

Heute bin ich aber kein Banker mehr, sondern Spezialist für die Gründung von Genossenschaften, aufgrund des Vorteils, dass ich selbst mehrere Genossenschaften erfolgreich gegründet habe.

Viele Kommunen im ländlichen Raum kämpfen mit Leerstand, fehlender Nahversorgung oder schwindender Infrastruktur. Inwiefern können Genossenschaften dort Lösungen bieten, wo klassische Investoren ausbleiben?

Christian Skrodzki: Grundsätzlich bin ich ein Freund davon, dass der klassische Unternehmer der geeignetere Unternehmer ist im Gegensatz zu einer Bürgergenossenschaft. Deswegen sollte in erster Linie alles Engagement darauf gesetzt werden, dass es nicht zu Leerstand und schwindender Infrastruktur kommt.

Ist die Misere aber bereits Tatsache, dann können Genossenschaften Lösungen bieten, die ein klassischer Investor nicht bieten kann. Der Hauptgrund, warum die Genossenschaft hier Lösungen bieten kann, ist die Tatsache, dass ein Investor in der Regel eine Rendite zwischen 5 bis 8% erzielen muss. Die Bürgergenossenschaft kann auch mit einer niedrigeren Rendite wirtschaftlich sein.

Ein weiterer Punkt, an dem die Genossenschaft Vorteile gegenüber dem Investor hat, liegt im Bereich „Identifikation mit dem Projekt“. Wenn ein Investor z.B. einen Dorfladen baut und betreibt, ist er ein Anbieter unter Vielen. Der Großeinkauf wird in großen Supermärkten getätigt und nur der absolute Frischebedarf wird im Dorfladen eingekauft. Wenn ein Bürger Teilhaber von einem Dorfladen ist, dann ist die Chance größer, dass er dort mehr einkauft.

Dank einer geringen Rendite, dank des Schwarmwissens der Genossenschaftsmitglieder und dank des Umstands, dass Mitglieder einer Genossenschaft auch Markenbotschafter sind, haben Genossenschaften mit die niedrigste Insolvenzrate in Deutschland.
– Christian Skrodzki

Kannst du ein besonders gelungenes Beispiel nennen, bei dem eine Genossenschaft etwas für eine Gemeinde ermöglicht hat, das sonst nicht zustande gekommen wäre?

Christian Skrodzki: Die Liste ist sicherlich unendlich. Projekte, bei denen ich beratend tätig war, sind die Alte Schule in Immenstadt-Bühl. Hier sollte ein denkmalgeschütztes altes Schulhaus abgerissen werden und mit einem Neubau überbaut werden. Die Genossenschaft hat in einem kontroversen Kampf das kulturhistorisch wertvolle Gebäude gerettet, saniert und wiederbelebt. Die Einweihung soll im Sommer 2026 sein. 

In Vilsbiburg hat eine Genossenschaft zum Ziel, eine Brauerei mit Gastronomie an einer exponierten Stelle zu etablieren. Die Stadt Vilsbiburg und die Genossenschaft schaffen hier gemeinsam Großartiges. 

In Frauenzell im Allgäu hat die Dorfgemeinschaft eine Bürgergenossenschaft gegründet, um das letzte Dorfgasthaus zu erhalten. Als dies erfolgreich gelungen war, rettete die Genossenschaft auch noch den Dorfladen, der geschlossen werden sollte.  

In Leutkirch im Allgäu haben meine Mitstreiter und ich im Dorf Urlau das brachgefallene Brauereigebäude von 1906 im Jahr 2019 mit einer Allgäuer Genussmanufaktur wiederbelebt. Das Dorf hat heute dadurch wieder einen Dorfladen mit Café und ein Ausflugsziel, das viele Besucher anlockt. 

Welche Rolle spielen die Kommunen bei Genossenschaftsgründungen – als Initiatoren, Partner oder eher im Hintergrund?

Christian Skrodzki: Kommunen verhalten sich sehr unterschiedlich. Schlaue Bürgermeister und Gemeinderäte unterstützten die Gründung von Genossenschaften aktiv. Ich persönlich bevorzuge es, wenn die Kommunen im Hintergrund unterstützen und die Bürger in die Verantwortung nehmen und machen lassen. Die Selbstwirksamkeit ist für Bürger größer, wenn sie zu 100% Verantwortung für ihre Genossenschaft übernehmen. Es gibt aber sicher Projekte, an denen gegen eine aktive Rolle der Kommunen in der Genossenschaft nichts spricht. Auffällig für mich ist, dass in Kommunen, in denen Genossenschaften erfolgreich gegründet wurden, meist weitere Genossenschaften nachfolgen.

Genossenschaften gelten als krisenfester und langfristiger orientiert als andere Unternehmensformen. Was sagt deine Erfahrung – trifft das zu?

Christian Skrodzki: So pauschal möchte ich das nicht bestätigen. Definitiv sind Genossenschaften krisenfester, weil nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund des Handelns steht, sondern die Behebung eines Missstandes und die Förderung der Mitglieder. Dank einer geringen Rendite, dank des Schwarmwissens der Genossenschaftsmitglieder und dank des Umstands, dass Mitglieder einer Genossenschaft auch Markenbotschafter sind, haben Genossenschaften mit die niedrigste Insolvenzrate in Deutschland.

Wie unterscheidet sich die wirtschaftliche Logik einer Genossenschaft von der eines klassischen Unternehmens – und was bedeutet das für die regionale Wertschöpfung?

Christian Skrodzki: Ziel bei einem klassischen Unternehmen ist die Gewinnmaximierung bzw. die Steigerung des Unternehmenswertes. Die Entscheidungen orientieren sich meist an der Rentabilität des eingesetzten Kapitals. Bei einer Genossenschaft ist das Ziel ein Nutzenmehrwert für die Mitglieder und das Gemeinwohl – nicht die Gewinnmaximierung. Die mögliche Dividende bleibt in der Heimat und sorgt so für regionale Wertschöpfung und in Form von Rücklagen sorgt die Genossenschaft für schwierige Zeiten vor.

Wenn Menschen spüren, dass sie bei Genossenschaften gemeinsam mit anderen Mitstreitern direkten Einfluss haben, dann dient es sicher unserem Demokratieverständnis.
– Christian Skrodzki

Bei vielen Genossenschaften gilt das Prinzip „ein Mitglied, eine Stimme" unabhängig vom Kapitaleinsatz. Wie verändert das die Art, wie Entscheidungen getroffen werden?

Christian Skrodzki: Aufgrund von diesem Prinzip hat das einzelne Mitglied die Sicherheit, dass es bei wichtigen Richtungsentscheidungen mitwirken kann und die Gewissheit, dass nicht andere Mitglieder, die eventuell finanziell stärker an der Genossenschaft beteiligt sind, mehr zu sagen haben. Die wichtigen Entscheidungen selbst benötigen einen breiten Konsens – das bedeutet, dass Einzelinteressen wenig Chance auf Zustimmung haben.

Meine Erfahrung lehrt mich, dass die Genossenschaftsmitglieder darauf vertrauen, dass die Vorstandschaft, die die Geschäfte führt, einen guten Job macht. Nur bei richtungsweisenden Entscheidungen schalten sich Mitglieder in die Diskussion und Abstimmung ein. Für die meisten Mitglieder zählt, dass sie jederzeit mitreden könnten.

Kann man sagen, dass Genossenschaften eine Schule der Demokratie sind – und wenn ja, was lernen die Beteiligten dabei?

Christian Skrodzki: Ich möchte den aktuellen Trend zur Gründung von Genossenschaften nicht zu hoch hängen, aber ich kann schon sagen, dass Heimat- und Bürgergenossenschaften helfen, Menschen vom ICH zum WIR zu bringen. Wenn Menschen spüren, dass sie bei Genossenschaften, die in irgendeiner Weise dem Gemeinwohl dienen, unabhängig von der eingebrachten Geldsumme, gemeinsam mit anderen Mitstreitern direkten Einfluss haben und vor allem ihre Selbstwirksamkeit spüren, dann dient es sicher unserem Demokratieverständnis.

Aus deiner Erfahrung heraus: Was sind die häufigsten Hürden bei einer Genossenschaftsgründung, an denen Initiativen scheitern? 

Christian Skrodzki: Für das Scheitern gibt es verschiedenste Gründe. Der von mir am häufigsten wahrgenommene Grund ist der Umstand, dass Initiativen nicht die geeigneten Personen an den richtigen Schalthebeln haben. Die Kerngruppe der Initiative muss mit Machern, Mutigen und unternehmerischen Menschen besetzt werden.

Für welche Vorhaben eignet sich die Genossenschaft gut – und wo würdest du eher zu anderen Rechtsformen raten?

Christian Skrodzki: Die Genossenschaft eignet sich grundsätzlich immer dann, wenn es um die Daseins-Fürsorge und um das Gemeinwohl geht. Die Genossenschaft als Rechtform ist sehr gut geeignet, wenn es darum geht, dass Bürger mehr als nur ein paar Euro einbringen sollen. Projektideen, die höhere Geldsummen benötigen, sind mit einer Genossenschaft gut beherrschbar und nachhaltig zu führen.

Für Projekte mit kleinerem Finanzbedarf, die auch durch Spenden und Eigenleistung realisierbar sind, kann der klassische Verein als Rechtsform ausreichend und praktikabler sein.

Welchen Rat gibst du Menschen, die gerade mit dem Gedanken spielen, eine Genossenschaft zu gründen?

Christian Skrodzki: Ich bestärke Menschen aktiv Genossenschaften zu gründen, weil es eine urdemokratische Gesellschaftsform ist, der Mensch bestimmt und nicht das Kapital, viele Köpfe Schwarmintelligenz und Stabilität bedeuten, Genossenschaften nur gering Insolvenz-anfällig sind und Genossenschaften Bürger ihre Selbstwirksamkeit spüren lassen. Ich verweise allerdings stets darauf, dass es wichtig ist, einen Masterplan zu erstellen. Und ich dränge die Initiatoren dazu, die richtigen Menschen für die wichtigen Positionen zu begeistern – wichtig ist neben Herzblut die Kompetenz für das jeweilige Aufgabengebiet. Ich behaupte immer: Im Süden von Deutschland scheitert kein Projekt, keine Idee an der Finanzierung – es scheitert an Mutlosigkeit, an Gutmenschentum, an Naivität und an Gegenwind von Alpha-Tierchen aus Politik, Verwaltung und Unternehmerschaft. 

Vielen Dank für das spannende Gespräch! 

Christian Skrodzki auf der Blauen Couch: Wer mehr von Christian Skrodzki selbst hören möchte, hat auf der Blauen Couch von Bayern 1 dazu Gelegenheit: In der bekannten Radio-Sendung erzählt der vielseitige Unternehmer aus seinem Leben, über seinen teils steinigen Weg und Neuanfänge – und nicht zuletzt davon, wie er ein verlassenes Dorf zu neuem Leben erweckt. Reinhören lohnt sich! 


Wie gelingt es, genügend Leute für eine Genossenschaft zu gewinnen? Das sind Tipps von Experte Christian Skrodzki: 

  • Das Projekt sollte einen sinnstiftenden Mehrwert für die Bürger bieten.
  • Das Projekt sollte von Menschen geführt werden, denen man zutraut mit „Geld von Dritten“ gewissenhaft umzugehen.
  • Das Projekt sollte transparent, parteiunabhängig und zukunftsfähig gestaltet sein.
  • Das Projekt sollte im Idealfall Emotionen wecken und gut mit einem begeisternden Storytelling erzählt werden.
  • Die Projektidee sollte mutig, aber nicht naiv konzipiert sein.
  • Die Projektidee sollte idealerweise einen großen Teil der Bevölkerung ansprechen.