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Schwerpunkt

Gemeinschaft als Wirtschaftsfaktor

Teilhabe statt bloßer Konsum gewinnt an Bedeutung
1. März 2026
© Petra Süptitz, YouGov
Der Dorfladen schließt. Der Friseur folgt und der Metzger gibt auf. Wer auf dem Land lebt, kennt diese Szene. Und doch passiert etwas Paradoxes: Während die traditionelle Infrastruktur bröckelt, entsteht ein neuer Markt – ein Markt für Nähe, Regionalität und Gemeinschaft. Genossenschaften sind nicht die Antwort auf eine nostalgische Sehnsucht. Sie sind die strukturelle Antwort auf einen messbar veränderten Verbraucherwillen.

Das Thema Regionalität spielt dabei eine zentrale Rolle. YouGov-Daten zeigen: 66 Prozent der Deutschen haben hohes Vertrauen zu Produkten aus ihrer Region und 69 Prozent bevorzugen beim Lebensmittelkauf gezielt regionale Angebote. Besonders aufschlussreich ist der Blick auf jüngere Generationen: 57 Prozent der Gen Z vertrauen in regionale Produkte. Damit nähern sie sich zunehmend dem Bevölkerungsdurchschnitt an - ein klares Zeichen dafür, dass Regionalität ein zeitgemäßer Konsenswert ist. Entscheidend ist zudem das tatsächliche Verhalten: Trotz hoher Preissensibilität sind 50 Prozent bereit, mehr Geld für regionale Lebensmittel auszugeben. Zahlungsbereitschaft ist das deutlichste Signal dafür, dass Regionalität nicht nur als Haltung, sondern als bewusste Wahl verstanden wird.

Von der Nische zum Markttrend

Einzelhandelsunternehmen haben diesen Trend längst erkannt. Edeka etwa konzentriert sich mit einem speziellen Bereich, der sogenannten Hofladen-Sektion, auf regionale Lebensmittel und arbeitet direkt mit lokalen Landwirten zusammen. Dort werden frische Produkte wie Obst, Gemüse, Fleisch und Wurstwaren von Partnern aus der Umgebung bezogen und fördern so die lokale Landwirtschaft bei hohen Qualitätsstandards. Der Name „Hofladen“ leitet sich vom Konzept des Direktverkaufs durch Landwirte an Verbraucher ab, eine Idee, die nun in den modernen Einzelhandel integriert wird.

Noch einen Schritt weiter gehen neue, genossenschaftlich organisierte Konzepte. Das kann zum Beispiel ein Hybrid-Supermarkt mit digitalem Zugang rund um die Uhr sein, der ländliche Gemeinden wiederbelebt, in denen es kaum noch Einkaufsmöglichkeiten gibt. Das Besondere liegt darin, dass die Einwohner nicht Kunden sind, sondern Miteigentümer. Sie gestalten Angebot und Ort aktiv mit – Regionalität wird hier nicht nur konsumiert, sondern gemeinschaftlich getragen.

Ein neues Segment, das Regionalität mit digitaler Convenience verbindet, wächst besonders dynamisch. 11 Prozent der Millennials lassen sich Obst und Gemüse von regionalen Erzeugern oder Händlern liefern. Insgesamt steigt der Anteil der Menschen, die solche Angebote nutzen, von 8,4 Prozent im Jahr 2023 auf 9,1 Prozent im Jahr 2025. Entscheidend ist weniger die absolute Größe als das dahinterliegende Bedürfnis: Diese Konsumenten wollen das Beste aus zwei Welten - lokale Herkunft und digitale Zugänglichkeit. Ein Anspruch, der zeigt, wohin sich Regionalität entwickelt: weg vom Verzicht, hin zu einer zeitgemäßen, alltagstauglichen Lösung.

"Ein Drittel der Deutschen ist es wichtig, Zeit für das Wohl ihrer Stadt oder Gemeinde aufzubringen. Die Bereitschaft wächst auch bei den Jüngeren kontinuierlich."
– Petra Süptitz, YouGov

Hinter diesen Entwicklungen steckt mehr als ein verändertes Konsumverhalten. Nachhaltigkeit hat längst auch eine soziale Dimension. In einer Gesellschaft, die von Krisen, Verunsicherung und permanenter Reizüberflutung geprägt ist, suchen viele Menschen nach Halt, Orientierung und Zugehörigkeit. Ein Drittel (31 Prozent) der Deutschen ist es wichtig, Zeit für das Wohl ihrer Stadt oder Gemeinde aufzubringen und 43 Prozent möchten sich aktiv für das Wohl der Gemeinschaft engagieren. Zwar sind es derzeit vor allem ältere Generationen, die sich stärker einbringen, doch die Bereitschaft wächst auch bei den Jüngeren kontinuierlich: Bei Millennials steigt sie von 42 Prozent im Jahr 2024 auf 44 Prozent im Jahr 2025.

Neben dem Wunsch nach Gemeinschaft gewinnt der Fokus auf das eigene Selbst an Bedeutung. Self-Care, Self-Improvement und Selbstinszenierung sind dabei weniger Ausdruck von Egoismus als psychologische Schutzmechanismen in unseren Zeiten – geprägt von Krisen und Sorgen um die Zukunft der Wirtschaft, politische Entwicklungen und die eigenen Finanzen. Menschen haben zunehmend das Gefühl, von der Politik nicht mehr verstanden zu werden und wenig Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse zu haben.

Nicht konsumieren, sondern gestalten – das Genossenschaftsprinzip neu gelebt

Diese beiden Entwicklungen stehen jedoch nicht im Widerspruch zueinander. Im Gegenteil: Der Wunsch nach Gemeinschaft und der Fokus auf sich selbst haben dieselben Ursachen. Gemeinschaft wird heute bewusst gewählt und Selbstverwirklichung findet häufig in der Gruppe statt. Menschen teilen Fortschritte, Interessen und Werte mit Gleichgesinnten. Sie drücken sich über Mode und Musik aus und werden über Communities verstärkt. Persönliche Werte wie Nachhaltigkeit und Diversität werden in Gruppen gelebt. Das “Ich” zeigt sich im “Wir.

In den sozialen Medien gewinnen lokale Inhalte zunehmend an Bedeutung, da sie den Wunsch nach Nähe, Relevanz und Echtheit erfüllen. Inhalte funktionieren besonders gut, wenn sie ortsbezogen, kulturell verankert oder lokal relevant sind. Relevanz wird immer wichtiger als Reichweite und authentische, persönliche Geschichten zählen: regional verwurzelte Influencer, regionale Dialekte, Geschichten vom Standort, lokale Traditionen.

Menschen wollen frei und individuell sein. Aber sie wollen nicht allein sein. Genau hier liegt die Stärke genossenschaftlicher Modelle. Genossenschaften ermöglichen Teilhabe statt bloßen Konsums. Sie schaffen Räume, in denen Menschen ihre persönlichen Werte nicht nur für sich vertreten, sondern gemeinsam mit anderen gestalten können – wirtschaftlich, sozial und lokal verankert.