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Schwerpunkt

Was die Region belebt, wirkt auch auf den Tourismus

Interview mit HeimatEntwicklerin Julia Träger aus der Bayerischen Rhön
29. April 2026
Bayerische Rhön
© HeimatUnternehmen
Julia Träger ist HeimatEntwicklerin der Region Bayerische Rhön und begleitet gemeinsam mit ihrem Kollegen Felix Schmidl Menschen, die ihre Heimat unternehmerisch gestalten. Im Gespräch erzählt sie, warum Tourismus in der Rhön nicht am Reißbrett entsteht – und weshalb darin auch eine Chance liegt.

Julia, wenn du an eure Region denkst: Was macht die Bayerische Rhön aus?

Die Rhön lebt von ihrer Weite, ihrer Landschaft und dieser besonderen Mischung aus Ruhe und Vielfalt. Du hast die offenen Hochflächen, die Wälder, die Saale, Weinberge – und gleichzeitig Orte wie Bad Kissingen – seit 2021 Weltkulturerbe - die stark durch Gesundheit und Kur geprägt sind.

Es ist eine sehr ländliche Region, mit viel Natur und einem eigenen Menschenschlag: ein bisschen rauer vielleicht, aber auch sehr bodenständig. Und das macht sie natürlich so besonders.

 

Gleichzeitig gilt die Rhön touristisch eher als Geheimtipp. Woran liegt das?

Ein großes Thema ist schlicht die Bekanntheit. Viele wissen gar nicht, wo die Rhön liegt – geschweige denn, was es hier alles gibt. Das hängt auch mit der Struktur zusammen: Die Rhön erstreckt sich über drei Bundesländer. Dadurch wird es schwierig, eine klare, gemeinsame Positionierung zu entwickeln. Es gibt viele gute Einzelangebote, aber wenig, was übergreifend sichtbar ist. Und dann entsteht schnell ein Kreislauf: Wenn wenig Gäste kommen, lohnt sich Gastronomie weniger – und wenn die Infrastruktur fehlt, bleiben Gäste wiederum aus.

 

Also ein klassisches Henne-Ei-Problem?

Genau. Du kannst wunderbar wandern oder Rad fahren – aber wenn du unterwegs kaum einkehren kannst oder nicht weißt, wo etwas geöffnet hat, wird das Erlebnis schnell eingeschränkt. Es fehlt oft nicht an Qualität, sondern an Vernetzung, Sichtbarkeit und Verlässlichkeit im Angebot.

 

Welche Rolle spielt HeimatUnternehmen in diesem Kontext?

Wir setzen nicht beim Tourismus an – sondern bei den Menschen vor Ort. Unsere Aufgabe ist es, Unternehmerinnen und Unternehmer zu stärken, die mit ihren Ideen die Region lebendig machen. Das kann ein Hofladen sein, ein Café, eine Brennerei oder ein kulturelles Angebot. Wenn diese Projekte funktionieren und miteinander vernetzt sind, entsteht automatisch ein Mehrwert – auch für Gäste.

 

Kannst du ein konkretes Beispiel geben?

Ein sehr schönes Beispiel ist unser Netzwerk aus Direktvermarktern. Da kommen ganz unterschiedliche Betriebe zusammen – vom klassischen Hof bis hin zu innovativen Manufakturen. Mittlerweile ist daraus sogar ein gemeinsamer Laden in Bad Kissingen entstanden, in dem Produkte aus der Region gebündelt sichtbar werden.

Aber entscheidend ist nicht nur der Laden. Es geht um das Zusammenspiel:
Wanderungen zwischen den Höfen, gemeinsame Aktionen, Gutscheine, Veranstaltungen – und vor allem darum, dass sich die Akteure gegenseitig empfehlen. Dadurch entsteht Schritt für Schritt ein echtes Netzwerk. Und plötzlich fahren Gäste gezielt von einem Ort zum nächsten. Zum Beispiel zur Brennerei Metz in Großenbrach, wo in vierter Generation Edelbrände entstehen und gleichzeitig mit dem Hofcafé „Schnapsdrossel“ ein Begegnungsort geschaffen wurde. Oder zum Biohof Kuhn, der zeigt, wie vielfältig Produkte rund um Ziege und Schaf sein können.

Andere wiederum öffnen ihre Höfe ganz bewusst: Der Biohof Hartung gibt Einblicke in alte Getreidesorten und mobile Hühnerhaltung, während die Hofgemeinschaft Hümpher’s Ökohof Landwirtschaft, Kultur und Gemeinschaft miteinander verbindet.

 

Das klingt nach vielen verschiedenen Bausteinen, die sich ergänzen.

Genau. Und das ist der entscheidende Punkt: Es sind viele kleine, hochwertige Angebote, die zusammen ein Erlebnis ergeben. Ein Betrieb allein zieht vielleicht noch keine große Aufmerksamkeit. Aber wenn mehrere sichtbar werden und sich gegenseitig empfehlen, entsteht ein ganz anderes Bild von der Region.

 

Das klingt fast mehr nach Regionalentwicklung als nach Tourismusförderung.

Genauso ist es auch. Unser Ziel ist nicht: „Wir machen jetzt Tourismus.“ Das ist auch gar nicht unsere Zuständigkeit. Unser Ziel ist: Wir unterstützen Menschen vor Ort und schaffen damit Angebote, die wiederum für die Menschen vor Ort sinnvoll sind – Orte, an denen man sich trifft, einkauft, Zeit verbringt. Und wenn das gelingt, wird die Region automatisch auch für andere attraktiv.

 

Welche Dynamik entsteht dadurch vor Ort?

Eine sehr besondere. Sobald die Menschen anfangen, zusammenzuarbeiten, verändert sich etwas. Es entsteht weniger Konkurrenzdenken und mehr Gemeinschaft. Ein Beispiel: Eine Lauftrainerin organisiert einen Frühjahrslauf, der auf einem Hof endet, wo anschließend gemeinsam gebruncht wird. Oder ein Weingut arbeitet mit einem Ziegenhof zusammen und entwickelt neue Angebote. Das sind kleine Schritte – aber sie wirken nachhaltig.

 

Welche Rolle spielen dabei die Unternehmerinnen und Unternehmer selbst?

Natürlich eine zentrale. Viele haben unglaublich gute Ideen, aber oft fehlt Zeit, Struktur oder einfach jemand, der sagt: „Mach das, das ist gut.“ Wir begleiten, vernetzen, geben Impulse – und manchmal auch ganz praktisch Unterstützung, etwa bei Konzepten oder Förderanträgen. Was dann entsteht, kommt aus der Region selbst. Und genau das macht es tragfähig.

 

Gibt es Projekte, die auch direkt touristische Effekte haben?

Ja, die gibt es. Zum Beispiel neue Übernachtungsangebote wie ein geplanter Tiny-House-Stellplatz in einer Streuobstwiese oder Ideen junger Unternehmer, die sich in dieser Richtung ausprobieren. Das ist bspw. den Brüdern Florian und Marc-André Janz von Rhönmomente gelungen, deren Angebot jährlich 20.000 Touristen mehr in die Rhön lockt. Aber auch hier gilt: Die Ideen entstammen keiner Tourismusstrategie, sondern sie entspringen aus unternehmerischem Handeln vor Ort.

 

Wie würdest du die touristischen Herausforderungen der Rhön beschreiben?

Die Rhön hat enormes Potenzial – gerade landschaftlich. Gleichzeitig ist die Entwicklung sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Orte, die sich stark positioniert haben, und andere, die noch am Anfang stehen. Das hängt oft von lokalen Initiativen, engagierten Personen und funktionierenden Netzwerken ab. Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken besser zu verbinden und sichtbar zu machen.

 

Was macht die Region denn konkret attraktiv für Gäste?

Vor allem die Kombination aus Natur, Ruhe und authentischen Erlebnissen. Du kannst hier wirklich entschleunigen: wandern, Rad fahren, durch Weinberge laufen. Gleichzeitig gibt es viele kleine, besondere Orte – Cafés, Höfe, Manufakturen –, die man entdecken kann. Es ist kein lauter Tourismus. Es ist eher ein bewusster, ruhiger Aufenthalt.

 

Wenn du jemanden überzeugen müsstest, in die Rhön zu kommen – was würdest du sagen?

Komm hierher, wenn du wirklich zur Ruhe kommen willst. Und wenn du erleben möchtest, wie viel Herzblut in kleinen, regionalen Angeboten steckt. Die Rhön ist vielleicht nicht perfekt erschlossen – aber genau darin liegt auch ihre Stärke.

 

Zum Schluss: Was ist eure Vision als HeimatUnternehmen?

Wir wollen Räume schaffen, in denen Menschen ihre Ideen umsetzen können – und sich dabei gegenseitig stärken. Wenn das gelingt, entsteht eine lebendige Region. Und eine lebendige Region ist automatisch attraktiv – für die Menschen, die dort leben, genauso wie für die, die sie besuchen.

Liebe Julia, vielen Dank für das Gespräch!

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