Der Mächlerhof – ein Ort, der Heimat schenkt
Der Mut, einen alten Hof neu zu denken
Als die beiden 2019 auf die aufgelassene Hofstelle des Hanserhofs stießen, bekamen sie viel gut gemeinten Rat. „Reißt ihn ab. Baut neu. Das kommt günstiger.“ Doch für Julia und Stephan war klar: Der Hof bleibt. Die Grundmauern tragen Geschichte. Und genau diese Geschichte wollten sie weiterführen. Ohne Reißbrett oder Architekturbüro, lieber Schritt für Schritt mit vielen eigenen Ideen, die die beiden mit der Unterstützung regionaler Handwerksbetriebe in die Tat umsetzten. Der Mächlerhof und die Babels wachsen aneinander, sie selbst sagen: „Perfekt ist hier nichts. Aber gerade dieses Unperfekte macht den Reiz aus.“
Der ehemalige Kuhstall wurde zum Herzstück des Hofs: dem Restaurant. Die alte Güllegrube verwandelte sich in einen Weinkeller. Und überall zeigt sich das Credo der beiden: Qualität im ganzheitlichen Genuss sowohl im Restaurant als auch in der Beherbergung. Auf das Wesentliche kommt es den beiden an: Es wird genutzt, was hier wächst. Fichtenholz statt Lärche. Regionale Zutaten und Produkte von meist persönlich bekannten Lieferanten, auch mal von weiter her. Reduziert, und damit genau richtig.
Zusammenrücken gehört zum Genuss
Im Restaurant sitzt man nicht immer für sich allein. Vor allem an den Genussabenden rückt man an einer langen Tafel zusammen. Und plötzlich entstehen Gespräche mit Menschen, die man sonst nicht geführt hätte. Für Julia und Stephan gehört auch das zum Genuss: Essen in der Gemeinschaft.
Gekocht wird frisch und ohne industrielle Fertigprodukte. Vieles stammt direkt vom Hof oder aus der unmittelbaren Region. Fleisch von den eigenen Galloways und dem Allgäuer Braunvieh, Lamm von Bergschafen, Nudeln aus eigener Produktion, Gemüse aus der Umgebung. Nicht als Religion, sondern immer so sinnvoll wie möglich. Dabei gilt das Prinzip „Nose to Tail“. Nach der Schlachtung werden alle Teile der Tiere verwertet. Aus Respekt versteht sich.
Die Lieferanten bilden rund um den Hof ein kulinarisches Ökosystem: persönliche bekannte Landwirte, Winzer und viele kleine Manufakturen. Sie alle zeigen, dass gute Zutaten nicht nur eine Frage der Herkunft sind, sondern auch der Art, wie sie entstehen.
Gastgeber aus Berufung
Julia und Stephan sind ein perfektes Team. Stephan ist im Allgäu geboren und aufgewachsen. Als Koch und Hotelkaufmann ist er in der Gastronomie verwurzelt, heute bezeichnet er sich ebenso als leidenschaftlicher Bauer. Der Weg zum Mächlerhof war für ihn auch ein persönlicher Aufbruch. Irgendwann wurde das alte Leben zu eng. Also zog er los – mit einem Esel vom Allgäu bis zur Insel Rügen. „Esel spiegeln viel und sie zeigen dir Grenzen.“ Eine Erfahrung, die geblieben ist.
Heute steht Stephan selbst wieder in der Küche. Kochen ist für ihn mehr als Handwerk, es ist Genusshandwerk und Ausdruck seiner ganz eigenen Kreativität. Gleichzeitig ist er der, der rechnet, plant und umsetzt: Kaufmann, Bauplaner, Hausmeister und Landwirt. Auch darin zeigt sich seine Art zu arbeiten. Es geht nicht um Wachstum um jeden Preis, sondern um ein gutes Leben. „Zufrieden, nicht reich werden“, sagt er. Stephan ist ein Mächler im eigentlichen Sinne. Einer, der anpackt – und die Dinge so macht, dass sie zu ihm passen.
Das beschreibt auch Julia, die aber eine ganz andere Geschichte mitbringt: Geboren in Wiesbaden, zog sie jahrzehntelang wie ein Zugvogel durch die Welt: Japan, Australien, Frankreich, die Niederlande. Mehr als zwanzig Umzüge. Lange glaubte sie, ein fester Wohnort würde sie fesseln. Bis sie den Mächlerhof (er)fand. Heute sagt sie selbst: Der vermeintliche Klotz am Bein fühlt sich nach Befreiung an. Vielleicht weil sie mit Stephan zusammen einen Ort geschaffen hat, der zugleich erdet und weit offensteht. Als diplomierte Volkswirtin bewegt sie sich genau dort, wo alles zusammenläuft: zwischen Menschen und Hof. Sie steht im Service, moderiert die Weinbegleitung, plant das Personal und hält im Hintergrund die Fäden zusammen – von der Organisation bis zum Marketing. Kommunikation ist dabei ihr eigentliches Werkzeug, ihr Gespür für Menschen das, was den Unterschied macht.
Und gleichzeitig zeigt sich hier, wie dieser Betrieb funktioniert: In so einem vielschichtigen Gefüge kümmert sich jeder ein Stück weit um alles. Und doch hat jede und jeder seinen eigenen Schwerpunkt, ganz entlang der eigenen Talente.
Tiere als Teil der Hofgemeinschaft
Die Babels leben am Mächlerhof mit vielen weiteren Mitbewohnern: alte Nutztierrassen wie Galloways, Allgäuer Braunvieh und Bergschafe leben hier in Muttertierhaltung. Dazu kommen Pferde, Esel, Ziegen, Schweine – und natürlich die Hofhunde und Katzen. Sie gehören zum Alltag des Hofes und zeigen, wo Lebensmittel ihren Ursprung haben. Die Haltung ist tierwohlorientiert und ist nicht rein Lebensmittelproduktion: Pferde und Esel beispielsweise sind mehr für das seelische als für das leibliche Wohl zuständig. Und sie bringen etwas, das im hektischen Alltag selten geworden ist: Ruhe und Präsenz - kleine, bewegliche Kraftorte auf vier Beinen.
Eine Heimat auf Zeit
Der Mächlerhof ist also mehr als ein Restaurant. Wer will, kann in außergewöhnlichen Unterkünften übernachten und den Hof erleben. Julia und Stephan sprechen von „Zeitschenken“. Menschen sollen hier ankommen und einen Rhythmus finden können, der im Alltag oft verloren geht. Auch wirtschaftlich gehen sie ihren eigenen Weg. Unterstützt von der Initiative HeimatUnternehmen entwickelten sie ein Genussrechte-Modell: Menschen konnten sich am Hof beteiligen, als Investoren und als Teil einer Genussgemeinschaft. So wächst der Hof gemeinsam mit denjenigen, die ihn schätzen.
Auch über den Mächlerhof hinaus bringt sich Julia ein. Als Vorsitzende im regionalen Verein der Initiative HeimatUnternehmen engagiert sie sich gemeinsam mit HeimatEntwicklerin Manuela Müller-Gaßner und allen HeimatUnternehmern im Allgäu für eine lebenswerte Region und für Projekte und Ideen, die sowohl Gästen als auch Einheimischen zugutekommen und HeimatMehrWert schaffen.
Ein Ort, der weiterwächst
Der Name passt also: Der Mächlerhof ist ein Ort, an dem gemacht wird. Ideen entstehen hier ständig. Aktuell laufen die Vorbereitungen für den nächsten Entwicklungsschritt. Wenn alles klappt, entstehen bis zum Sommer neue, ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten sowie ein besonderer Wellnessbereich. Was genau dahintersteckt, bleibt vorerst noch ein Stück weit im Verborgenen. Nur so viel: Es wird ein weiterer Ort zum Ankommen.
Doch trotz aller Pläne bleibt das Wichtigste unverändert – die Vision vom Anfang: Ein lebendiger Ort, an dem sich Menschen und Tiere wohlfühlen. Und an dem man für eine Weile ankommen darf.