Ein Turm zum Müßiggehen im Mittelalter
Seinen Namen „Allio“ verdankt das Turm-Chalet einer aus Oberitalien stammenden Familie, die um 1860 nach Berching zog und 1879 den Turm erwarb. Die Allios waren durch ihre Blaudrucker- und Dampffärberei wohlhabend geworden. Bald nannten die Einheimischen das Bauwerk respektvoll den Allio-Turm.
Doch die glanzvolle Zeit verging. Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die Allios in finanzielle Schwierigkeiten und gaben den Turm auf. Er fiel an die Stadt, die ihn unter schlichten Mietverhältnissen nutzte. Der letzte Bewohner wohnte nicht sehr komfortabel mit einem Kohleofen als einziger Wärmequelle. Nach dessen Tod blieb der Turm jahrelang unbewohnt. Ein unbemerkter Wasserschaden fraß am Gemäuer und an den tragenden Balken. Die Nordwestseite war von Grünzeug überwuchert, Wurzeln drangen in die Fassade ein.
Ein Ort, an dem Geschichte sichtbar bleibt
Das könnte das Ende der Geschichte sein. Viele historische Gebäude, die schwer nutzbar sind, bleiben sich selbst überlassen. Doch in diesem Fall war es anders. Mitten in der Coronakrise verliebte sich Ernst Burger in den Stadtturm. Dass er sich des Gebäudes annahm, war alles andere als naheliegend. Zwar ursprünglich Oberpfälzer, lebte Ernst Burger längst im Münchner Raum. Doch Berching hatte es ihm angetan und so starteten 2022 die Sanierungsarbeiten unter der Regie eines denkmalerfahrenen Architekturbüros. Kompetente Handwerksbetriebe aus der Region schlossen die Maßnahmen trotz Lieferproblemen während der Pandemie in nur zehn Monaten ab.
Was dabei entstand, ist keine glatte Hotel-Ästhetik, sondern ein Ort, an dem Geschichte sichtbar bleibt. Auf vier Ebenen verteilen sich Küche, Wohn- und Schlafräume: Ganz oben die Türmerstube mit Panoramablick, daneben die Rauchkuchl mit schreinergefertigter Massivholzküche, darunter eine gemütlich-elegante Schlafkammer mit Queensize-Bett und angrenzendem Badezimmer. Ein Stockwerk tiefer befindet sich die Kemenate, die als Wohn- und weiterer Schlafraum genutzt werden kann. Ganz unten schließlich befindet sich ein Raum, in dem sportliche Gäste beispielsweise ihre E-Bikes aufladen oder Wäsche waschen können. In die Wohnräume gelangt man über Treppe und Wehrmauer – ein einzigartiges Erlebnis.
Komfort, wie es ihn anno dazumal nicht gab
Überhaupt hat Ernst Burger mit viel Bedacht darauf Wert gelegt, alles Besondere zu erhalten. So wurden alte Wandbemalungen behutsam freigelegt und auch andere liebevoll bewahrte Details nehmen die Besucher mit auf eine Reise in vergangene Zeiten.
Die Anerkennung für diese Arbeit ließ nicht lange auf sich warten: Das Turm-Chalet wurde für den Artouro nominiert, einen Preis der Bayerischen Architektenkammer für architektonischen Mut bei Gebäuden mit touristischem Nutzen. Zudem wurde es als Projekt der Architektouren 2024 ausgewählt und erhielt den Denkmalpreis des Bezirks Oberpfalz.
Heute bietet das Chalet fantastische Ausblicke auf das Flüsschen Sulz, den Park und die historische Altstadt von Berching – und den erstaunlichen Luxus, in einem mehr als 550 Jahre alten Wehrturm aufzuwachen, ohne auf eine heiße Dusche verzichten zu müssen. Ganz wie es ein Gast so trefflich formuliert hat: „Was für ein Juwel! Eine geniale Verbindung von moderner Architektur und Funktionalität sowie Komfort mit dem Alten, der Architektur unserer Vorfahren. Aus Abwehr und Verteidigung wurde Willkommen und Gastlichkeit gemacht.“ Ein schöneres Lob kann es kaum geben.
Aus einem verfallenden Turm ein touristisches Kleinod zu machen, ist eine Aufgabe, der sich nur jemand widmen kann, der großen Mut und jede Menge Herzblut mitbringt. Wir haben uns mit dem Macher hinter dem Allio, Ernst Burger, unterhalten.
Hast du wegen des Turms anfangs manchmal schlaflose Nächte gehabt? Es ist ja immer ein Risiko dabei, historische Gebäude zu kaufen, mit allen Unwägbarkeiten.
Ernst Burger: Die Sanierungsphase war in der Tat eine Belastungsprobe. Unmittelbar bei Beginn der Auftragsvergabe haben globale Krisen mit voller Wucht zugeschlagen: Der Ukraine-Krieg und die Energiekrise lösten massive Lieferengpässe und Preisexplosionen aus, flankiert von einem rasanten Zinsanstieg. Hinzu kamen bürokratische Hürden bei Steuern und Förderungen. Dazu unvorhergesehene Mängel am Objekt, insbesondere ein versteckter Wasserschaden. Es war eine Zeit großer Unwägbarkeiten. Da bleibt es nicht aus, dass die Nerven schon mal ganz schön flattern.
Was magst du heute an deinem Turm am liebsten?
Ernst Burger: Es ist das Zusammenspiel aus historischer Substanz und rar gewordenen handwerklichen Fertigkeiten. Der Geruch von Holz, die maßgefertigte Eichenküche in der alten Rauchkuchl und die Geborgenheit der dicken Mauern schaffen ein besonderes Wohlgefühl. Besonders faszinierend sind die Perspektivwechsel: der geschützte Rückzugsort im Inneren und der weite Blick aus den Fenstern auf das lebendige Treiben im Park unten an der Sulz sowie das Panorama der Kirchtürme.
Warum engagierst du dich so für Berching?
Ernst Burger: Nach Jahrzehnten beruflicher Tätigkeit im Münchener Raum bin ich gerne in meiner alten Heimat. Berching hat es mir durch das mittelalterliche Stadtbild und die vielfältigen vereins- und ehrenamtlichen Aktivitäten angetan. Das Motiv für die Sanierung war für mich eine Mischung aus Lokalpatriotismus, Begeisterung für den Erhalt von historischen Werten und der Ehrgeiz, einmal ein respekteinflößendes Denkmalprojekt umzusetzen.
Was hat dich bewogen, dich der Initiative HeimatUnternehmen anzuschließen?
Ernst Burger: Das war eher ein Zufall. Beim Neujahresempfang der Stadt Berching habe ich Stefanie Hofbeck kennengelernt. Das führte zur Teilnahme am Treffen der HU-ler auf Burg Falkenberg wo ich sofort infiziert wurde. Es war diese geballte Energie von Menschen, die ihre Projekte mit echtem Herzblut in ihrer Heimat vorantreiben. Dieser Austausch wirkte wie eine unternehmerische Frischzellenkur. Es ist inspirierend, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die anpackt und die Region aktiv mitgestaltet.