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Schwerpunkt

Hofladen im Supercenter: Regionale Wertschöpfung zwischen Schindeldach und Scannerkasse

Wie ein fränkischer Supermarkt den kleinen Erzeugern eine große Bühne baut – und dabei eine ganze Region verändert.
2. April 2026
Fränkische Schweiz
© Marion Deinlein

Wer über Produkte von regionalen Erzeugern spricht, denkt oft an kleine Hofläden am Ortsrand, begrenzte Öffnungszeiten und ein Sortiment, das beim Käufer Planung erfordert. Doch was passiert, wenn man dieses Konzept konsequent weiterdenkt und dorthin bringt, wo täglich tausende Menschen einkaufen?

In Bayreuth ist das gelungen. Mitten in einem neu gebauten Edeka-Supercenter wurde ein Hofladen integriert – nicht als Randnotiz, sondern als Herzstück. Entstanden ist ein Modell, das zeigt, wie Kooperation zwischen regionalen Akteuren, Verwaltung und Handel gelingen und echte Wirkung entfalten kann.

Vom Zufall zur Vision

Die Initialzündung war unspektakulär und eher ein glücklicher Zufall: ein persönliches Gespräch zwischen HeimatEntwicklerin Marion Deinlein und Edeka-Inhaber Patrick Schneider über Kaffee. Patrick Schneider plante zu der Zeit gerade ein neues Supercenter. Gleichzeitig war Marion Deinlein, die als HeimatEntwicklerin in der Region tätig ist, gut mit regionalen Erzeugern vernetzt. Aus dieser Begegnung entstand eine Idee mit Tragweite: ein regionaler Hofmarkt innerhalb des Supercenters. Schnell wurde klar, dass es dafür eine Brückenbauerin braucht – jemanden, der sowohl die Sprache der kleinen Erzeuger als auch die Anforderungen des Handels versteht. Und jemanden, der Patrick Schneider bei der aufwändigen Akquise unterstützen kann.

Diese Rolle übernahm Marion Deinlein.

Zwei Welten – eine Übersetzung

Die Herausforderung war groß: Viele der beteiligten Produzenten hatten bislang ausschließlich direkt vermarktet. Themen wie Etikettierung, Lieferprozesse oder steuerliche Anforderungen waren für sie Neuland. Hier zeigte sich die eigentliche Innovationsleistung des Projekts: Es ging nicht nur um Verkaufsfläche, sondern um Befähigung. Marion Deinlein wurde zur Vermittlerin zwischen zwei Systemen: auf der einen Seite kleine landwirtschaftliche Betriebe mit oft handwerklichen Strukturen, auf der anderen Seite ein professionell organisierter Lebensmitteleinzelhandel.

Was zunächst mit handgeschriebenen Etiketten und Unsicherheiten begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem funktionierenden Netzwerk. Schulung, Begleitung und vor allem Vertrauen waren dabei entscheidend. Ein oft unterschätzter Effekt: der Perspektivwechsel. So führte Marion Deinlein auch den Unternehmer Patrick Schneider direkt zu den Erzeugern – auf Höfe, in Ställe und auf Wiesen. Diese Begegnungen haben das Verständnis füreinander nachhaltig verändert. Aus einem Handelsprojekt wurde ein gemeinsames Anliegen.

Eine Bühne im Zentrum des Marktes

Das Ergebnis ist sichtbar und bewusst inszeniert. Der Hofladen befindet sich nicht irgendwo im Markt, sondern an einer der strategisch wichtigsten Stellen: direkt nach der Obst- und Gemüseabteilung, der sogenannten „Bremszone“, wo Kundinnen und Kunden bewusst langsamer werden. Auf rund 18 Quadratmetern präsentieren inzwischen über 25 regionale Erzeuger ihre Produkte. Platziert werden die Produkte in traditionell gestalteten Marktständen aus Holz mit Schindeldach. Dadurch hebt sich der Bereich deutlich vom restlichen Supermarkt ab. Und auch kleine Details machen den Unterschied: Holzschildchen weisen die Entfernung zum jeweiligen Betrieb aus: „4 km“, „11 km“. Plötzlich wird Regionalität greifbar. Kundinnen und Kunden bleiben stehen, lesen, entdecken: „Es gibt Gin von hier?“ – Sätze, die in klassischen Regalreihen selten fallen.

Wirkung, die messbar ist

Was als mutiges Experiment begann, überzeugt heute auch betriebswirtschaftlich. Die Verweildauer der Kundschaft im Hofladen ist deutlich höher als im übrigen Markt. Menschen lassen sich Zeit, informieren sich – und kaufen. Produkte, die erklärungsbedürftig sind oder im klassischen Regal untergehen würden, finden hier Aufmerksamkeit. Die Resonanz zeigt sich auch im Umsatz: Der Hofladen performt überdurchschnittlich stark. Die heimischen Produkte sind hochpreisig – gerade auch die Fleischspezialitäten. Aber das wird akzeptiert und deutlich nachgefragt. Ein entscheidender Erfolgsfaktor: Die Produkte sind dort platziert, wo Menschen ohnehin einkaufen. Zusätzliche Wege entfallen.

Win-win für Region, Handel und Gesellschaft

Das Projekt funktioniert, weil alle Beteiligten bereit waren, sich aufeinander zuzubewegen. Der Handel hat bewusst Raum geschaffen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Gleichzeitig wurden Konditionen so gestaltet, dass auch kleine Betriebe teilnehmen können. Für die Erzeuger bedeutet das: Zugang zu einer großen Kundschaft, Sichtbarkeit und Markenaufbau, neue wirtschaftliche Perspektiven. Für die Region entsteht ein Mehrwert, der über den reinen Verkauf hinausgeht: Identität, Transparenz und Wertschätzung für lokale Produktion.

Strahlkraft über die Region hinaus

Die Qualität des Konzepts blieb nicht unbemerkt. Das Projekt wurde mit dem „Regional-Star 2024“ ausgezeichnet – einem Branchenpreis, der insbesondere innovative Ansätze im Lebensmitteleinzelhandel würdigt.

Auch international stößt das Modell auf Interesse: Delegationen aus verschiedenen Ländern – unter anderem aus Afrika und China – haben den Hofladen bereits besucht. Eine zentrale Frage, die dabei immer wieder gestellt wird: Wie gelingt es, Regionalität für Verbraucher attraktiv zu machen? Die Antwort aus Bayreuth ist klar: Regionalität muss sichtbar, erlebbar und bequem zugänglich sein.

Fazit

Der Hofladen im Supercenter ist mehr als ein cleveres Marketingformat. Er ist ein Beispiel dafür, wie regionale Wertschöpfung organisiert werden sollte, damit sie praxisnah, wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich relevant bleibt. Oder anders gesagt: Wenn kleine Erzeuger eine große Bühne bekommen, profitieren am Ende alle.