Zu Gast in Pfarrhaus, ganzem Dorf oder Mühlenhof
„Heute ist für uns das ehemalige Pfarrhaus so viel mehr“, sagt Renate Röder. Es ist Leidenschaft wie Lehrstück, der schwierigste Patient, den die gelernte Krankenschwester je hatte und das Puzzleteil, das in der Familiengeschichte ungeahnter Weise noch fehlte. Denn, wie sich herausgestellt hat, war der damalige Bauherr ein gewisser Joseph Anton Aurbach, ein Vorfahr der Familie Aurbach. „Da schließt sich der Kreis“ sagt Renate Röder, die selbst erstaunt über die Entdeckung aus dem Staatsarchiv Amberg ist.
Beileibe nicht die einzige Überraschung, die das 1738 erbaute Pfarrhaus mit sich brachte. Als das historische Gebäude zum Verkauf ausgeschrieben wurde, bewarben sich die beiden und mussten daraufhin lange warten. Geduld und Zufall war es letztlich zu verdanken, dass das markante Bauwerk schließlich in ihre Hände kam. Ab Dezember 2021 war es soweit und mitten in der schwierigen Zeit der Corona-Pandemie begannen die Sanierungsarbeiten.
„Für solche Projekte braucht es Leute wie uns“
„Das waren vier sehr anstrengende Jahre für uns, nicht nur körperlich, auch psychisch“, sagt Renate Röder rückblickend. Das Paar versuchte, so viel wie möglich in Eigenleistung selbst zu schaffen. Renate Röder übernahm die Bauleitung und musste vieles im Blick behalten. Das alles meisterten sie neben Kindern, Schreinerei und der kleinen Landwirtschaft mit den Hochlandrindern. „Zwischendurch hab´ ich mal kurz ans Aufgeben gedacht“, gibt Renate Röder offen zu. Doch nach einer kurzen Erholungspause ging es dann doch wieder weiter.
„Für solche Projekte braucht es wahrscheinlich Leute wie uns“, sagt Renate Röder lachend. Menschen, die sich nicht über jedes Detail den Kopf zerbrechen, sondern sich trauen, anzufangen und es dann auch durchziehen, trotz vieler Hürden und unerwarteter Fehlschläge.
Belohnt wird das Paar jetzt bei jedem Blick in die wunderschönen Räume des sanierten Pfarrhauses. Vier komfortable Ferienwohnungen sind hier entstanden, liebevoll und stilsicher eingerichtet. 2026 ist der Aurbach Hof, wie das Gebäude jetzt heißt, bereits weitgehend ausgebucht. Ab Dezember sind wieder Buchungen möglich. Renate Röder und Jürgen Aurbach freuen sich sehr darüber, Gastgeber zu sein. Das idyllische Haus an der Wissinger Laaber bietet einen einmaligen Ort für eine Auszeit.
Ob sie sich rückblickend noch einmal an ein solches Projekt wagen würden? „Ja“, sagen beide ohne zu zögern. „Aber nur mit dem Wissen von heute.“ Die zupackende Unternehmerin Renate Röder denkt sogar darüber nach, einen Leitfaden für Bauherren zu verfassen, die – wie sie – mit der Sanierung eines Denkmalgebäudes Neuland betreten, damit andere von den Erkenntnissen profitieren, die sie sich mühselig angeeignet haben.
Unterstützung aus dem HU-Netzwerk
Zu den Unterstützern, auf die die Eheleute zählen konnten, zählten unter anderem HeimatEntwicklerin Stefanie Hofbeck und HeimatUnternehmer Ernst Burger. Letzterer hat selbst ein historisches Gebäude saniert – den Allio-Turm in Berching. Das regionale HeimatUnternehmen-Treffen Anfang Juni wird passenderweise im Wissinger Pfarrhaus stattfinden, bevor das Schmuckstück am 12. Juni bei einem Tag der offenen Tür für alle interessierten Bürgerinnen und Bürgern offensteht.
Für Urlauber bietet der Oberpfälzer Jura viele Möglichkeiten für Freizeit und Erholung. Eine Besonderheit macht Wissing für Geschichtsinteressierte interessant: Abgesehen davon, dass die Geschichte des Pfarrhauses bis ins 14. Jahrhundert zurückgeht, ist der kleine Ort für sein Notgeld bekannt. Weil im Ersten Weltkrieg aus Mangel an Metall Kleingeld eingeschmolzen wurde, erhielten die Kommunen das Recht, selbst Ersatzmarken zu prägen. Wissing zählte zu den wenigen Gemeinden, die davon Gebrauch machten. Das Dorf brachte 1917 eigene Pfennig-Stücke in Umlauf, achteckig und aus Zink, die heute eine Rarität mit hohem Sammelwert sind. Münzen, die damals sicher auch im Pfarrhaus von Hand zu Hand gingen.
Als in Mähring der letzte Bäcker schloss, der Metzger aufgab und das Dorfwirtshaus seine Türen für immer zumachte, hätte die Marktgemeinde im nördlichen Oberpfälzer Wald ein Schicksal ereilen können, das viele ländliche Orte in Bayern kennen: schleichender Rückzug, leere Ortskerne, fehlende Perspektiven. Wer Lebensmittel brauchte, musste rund 17 Kilometer fahren. Doch dann kam Marco Eckert – und mit ihm eine Vision, die heute weit über die Region hinausstrahlt.
Der Landwirt und Unternehmer Marco Eckert übernahm 1996 den Mühlenhof, ein verfallenes Ensemble rund um eine über 400 Jahre alte, denkmalgeschützte Mühle am Ortsrand von Mähring. Was einst eine Ruine war, in der – wie Zeitzeugen erzählen – nur noch die Katzen schliefen, hat Eckert mit Herzblut und unternehmerischem Geschick in einen lebendigen Ort verwandelt. Die historische Mühle wurde nach denkmalpflegerischen Vorgaben kernsaniert und beherbergt heute vier moderne, komfortable Ferienwohnungen. Die frühere Scheune dient als „Eventstodl“ mit Platz für 130 Gäste – Hochzeiten, Firmenevents, Kleinkunstabende und die mittlerweile zur Tradition gewordene „MühlenWeihnacht“ finden hier ihren stimmungsvollen Rahmen.
Doch Eckert dachte von Anfang an weiter als nur an den eigenen Betrieb. Gemeinsam mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern gründete er den Bürgerverein Mühlenhof Mähring, der mit einem ambitionierten Ziel antrat: die Nahversorgung und das Dorfleben zurückzubringen. Mit Hilfe von Genussrechten – einer direkten finanziellen Beteiligung der Mähringer Bürger – , mit Förderung durch das Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz und in intensiver Zusammenarbeit mit HeimatEntwicklerin Cornelia Müller entstand ein Dorfladen mit Café, der regionale Produkte anbietet und als Treffpunkt für Einheimische und Gäste dient. Was unmöglich schien, wurde möglich: Verein, Unternehmer, Bürgerschaft und öffentliche Hand gingen Hand in Hand.
Innovativer Tourismus mit HeimatMehrWert
Der Mühlenhof steht für einen Tourismus, der nicht neben der Bevölkerung, sondern mit ihr stattfindet. Unter dem Motto „Erholen. Genießen. Feiern. Deine Auszeit im Herzen der Oberpfalz“ erleben Gäste hier keine austauschbare Ferienkulisse, sondern werden Teil einer lebendigen Dorfgemeinschaft. Sie kaufen im Dorfladen regionale Erzeugnisse, besuchen den Bauernhof der Familie Eckert und erkunden von der Mühle aus die Wander- und Radwege des Oberpfälzer Waldes und des nahen tschechischen Bäderdreiecks. Die Ferienwohnungen sind ganzjährig ausgebucht – ein klares Signal, dass dieses Konzept bei den Gästen ankommt. Durchweg positive Bewertungen und eine hohe Stammkundenquote bestätigen den Ansatz.
Was den Mühlenhof als HeimatUnternehmen im besten Sinne auszeichnet, ist die Verbindung von Eigeninitiative und Gemeinschaftswirkung. Eckert hat aus früherem Konkurrenzdenken regionaler Beherbergungsbetriebe ein Kooperationsnetzwerk geformt: Bei Großanfragen wird zusammengearbeitet, Kontakte werden geteilt und gemeinsame Werbung betrieben. Damit wird die gesamte Region als Destination für Firmenevents und Tagungen sichtbar. Auch seine Digitalisierungsstrategie – von Social Media über Filmproduktionen bis hin zur nahtlosen Onlinebuchung – setzt Maßstäbe im ländlichen Tourismus.
Strahlkraft über die Region hinaus
Die Wirkung des Mühlenhof-Projekts reicht längst über Mähring hinaus. Im Oktober 2024 wurde der Mühlenhof mit dem Staatspreis „Land.Dorf.Zukunft“ des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus ausgezeichnet. Staatsministerin Michaela Kaniber nannte den Mühlenhof bei einem Besuch vor Ort ein Vorzeigeprojekt, das die Menschen in der Region zusammenbringe und die Identität der Gemeinde stärke. Landrat Roland Grillmeier sprach von einer Leistung mit Vorbildcharakter, die als Blaupause für andere Regionen dienen könne.
Tatsächlich haben bereits Bürgermeister und Gemeinderäte aus dem Landkreis und aus Tschechien Eckerts Konzepte aufgegriffen. Auf dem Forum HeimatUnternehmen im Allgäu stoßen seine Erfahrungen auf große Resonanz. Marco Eckert, der neben seiner unternehmerischen Tätigkeit auch als Gemeinderatsmitglied, Feuerwehrkommandant und Landwirt aktiv ist, verkörpert genau jene Kultur des Anpackens, die das Netzwerk HeimatUnternehmen Bayern fördert: kreative Gestalter, die Visionen in die Tat umsetzen und positiven Wandel anstoßen – durch Eigeninitiative, solidarisches Miteinander und regionale Verwurzelung.
Der Mühlenhof Mähring zeigt, was möglich ist, wenn ein Einzelner den Mut hat, anzufangen – und eine Gemeinschaft bereit ist, mitzugehen. In einer Zeit, in der viele ländliche Räume um ihre Zukunft ringen, ist dieses Projekt ein lebendiger Beweis dafür, dass innovative Ideen, regionale Kultur und bürgerschaftliches Engagement gemeinsam eine bunte und lebendige Heimat schaffen können.
Waldeck bei Kemnath liegt an der ehemaligen Handelsstraße zwischen Nürnberg und Prag, mitten im Oberpfälzer Wald. Was Besucher heute als idyllisches Dorf erleben, hat eine bewegte Geschichte: 1794 zerstörte ein verheerender Gewittersturm 57 Häuser und entriss den Familien alles, was sie sich aufgebaut hatten. Doch bereits einen Tag später traten die Waldecker zusammen und organisierten den Wiederaufbau. Diese unerschütterliche Entschlossenheit, Heimat zu bewahren, prägt den Ort bis heute. Ein schönes Beispiel dafür sind die Hollerhöfe: Gegründet 2005 von Elisabeth Zintl, Gastwirtin in fünfter Generation und gelernte Bankkauffrau, zusammen mit ihrem Mann Prof. Leonhard Zintl, Vorstand der Volksbank Mittweida und leidenschaftlicher Zukunftsgestalter. Ihre Vision: Ein nachhaltiges, Kultur bewahrendes, dezentrales Hotelkonzept.
Für die Hollerhöfe wurden leerstehende, teils denkmalgeschützte Häuser behutsam saniert und für Gäste geöffnet. Unter dem Motto „Zu Gast im Dorf“ wohnen Besucher heute in historischen Dorfhäusern – vom Ackerbürgerhaus über Schreiber-, Kößler-, Schuster- und Kanzleihaus bis hin zum Ochserwirt, der 2026 fertiggestellt werden wird. Mehr als 50 Zimmer und Apartments für rund 150 Personen verbinden Gemütlichkeit mit modernem Komfort. Manufaktur, Küchenscheune, Gedankenscheune, Tinyhaus und ein wunderschöner Oberpfälzer Garten mit Grillstation laden zum Verweilen ein. Der Landgasthof mit der Pension und dem traditionellen Gasthof wird weitergeführt. Die Hollerhöfe bieten auch Raum für Tagungen und Events.
Heimat als Geschenk und Verpflichtung
Was die Hollerhöfe von einem gewöhnlichen Hotelbetrieb unterscheidet, ist der Mehrwert, den das Projekt für die gesamte Region schafft. Elisabeth Zintl bringt es auf den Punkt: Heimat ist in ihren Augen nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Verpflichtung. Dieses Selbstverständnis deckt sich mit dem Leitgedanken der Initiative HeimatUnternehmen Bayern, die engagierte Menschen auf dem Land unterstützt, deren kreative und unternehmerische Haltung nicht nur persönlichen Nutzen schafft, sondern auch die regionale Identität und das Gemeinwohl stärkt. Die Hollerhöfe sind Teil des HeimatUnternehmen-Netzwerks NordOberpfalz mit HeimatEntwicklerin Cornelia Müller und gelten dort als Musterbeispiel dafür, wie man als Unternehmen eine ganze Region positiv beeinflussen kann.
Jedes der Dorfhäuser erzählt ein eigenes Kapitel der Geschichte Waldecks. Die liebevolle Ausgestaltung macht die Häuser zu Orten, an denen Ursprüngliches neu erlebbar wird, ohne museal zu wirken. Kochkurse, die Holler-Manufaktur mit selbst hergestellter Marmelade, Sirup und dem hauseigenen Gin Holler sowie eine Naturerlebnis-Akademie ergänzen das Angebot. So entsteht ein touristisches Erlebnis, das weit über die reine Übernachtung hinausgeht.
Natur neu entdecken: Der erste essbare Wildpflanzenpark
Eine weitere Besonderheit ist der EWILPA – der erste Essbare Wildpflanzenpark Deutschlands, der 2018 auf dem Waldecker Burgberg eröffnet wurde. Familie Zintl realisierte den rund sechs Kilometer langen Rundweg gemeinsam mit dem Heimat- und Kulturverein Waldeck und der EWILPA-Stiftung. Hier können Besucher heimische Wildpflanzen nicht nur betrachten, sondern anfassen, probieren und deren Verwendung in Küche und Naturheilkunde kennenlernen. Elisabeth Zintl, ausgebildete Fachberaterin für essbare Wildpflanzen, hat auf den Grundstücken obendrein rund 600 Holunderbüsche gepflanzt. Die Philosophie dahinter: Die Schätze der Natur neu entdecken.
HeimatMehrwert weit über den eigenen Betrieb hinaus
Die Hollerhöfe zeigen exemplarisch, welchen strukturellen Mehrwert innovativer Tourismus für ländliche Räume leisten kann. Durch die Sanierung leerstehender Gebäude wird das historische Ortsbild bewahrt und zugleich wirtschaftlich genutzt. Regionale Zulieferer und Handwerksbetriebe profitieren von den Aufträgen. Das Projekt schafft Arbeitsplätze vor Ort und zieht Gäste an, die nicht nur übernachten, sondern die Region entdecken, regionale Produkte kaufen und an Veranstaltungen teilnehmen. Das Konzept macht Waldeck als Urlaubs- und Ausflugsziel sichtbar und trägt dazu bei, dass der Ort lebendig bleibt.
Projekte wie die Hollerhöfe bestätigen, was die Initiative HeimatUnternehmen Bayern seit über zehn Jahren fördert: Wenn Menschen mit Unternehmergeist und regionaler Verbundenheit ihre Ideen in die Tat umsetzen, entsteht ein HeimatMehrwert, der weit über den eigenen Betrieb hinauswirkt. Elisabeth und Leonhard Zintl haben aus dem Erbe einer Gastwirtsfamilie und dem Potenzial eines ländlichen Ortes etwas geschaffen, das Tradition und Innovation verbindet – und damit ein Vorbild für andere ländliche Regionen in Bayern und darüber hinaus. Der namensgebende Holunder – Sambucus nigra – ist übrigens nicht nur wunderbar für frische Limonade. Der Pflanze wird unter anderem nachgesagt, sie schütze vor Blitzschlag und Feuer. Eine Kraft, die für das einst niedergebrannte Waldeck von besonderer Bedeutung ist.