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Mensch und Natur

Wo Wurzeln sich verbinden

Naturgärtner Christof Wegner und seine Vision für lebendige Dörfer
29. Juli 2026
Riedenburger Land
© Jonas Hackner, Kunstwerk Media

Wenn Christof Wegner durch eine Wiese spaziert, wie jüngst beim Forum HeimatUnternehmen in Riedenburg, kann es passieren, dass er plötzlich stehen bleibt und alles andere warten muss. „Kommt mal her, das muss ich euch zeigen", sagt er dann, und wer ihm folgt, spürt sofort: Hier ist jemand, der nicht nur über die Natur redet, sondern in ihr aufgeht.

Christof Wegner ist Naturgärtner in Frickenhausen, einem kleinen Ort im Unterallgäu. Dort betreibt er das Projekt „Natur in Gärten" – ein Unternehmen, das sich nicht leicht in die üblichen Kategorien einordnen lässt. Wegner plant, baut und begleitet Naturgärten: für Privatleute, für Kommunen, für Unternehmen. Wer dabei an schmucke Beet-Gestaltung und obligatorische Baumpflanzungen denkt, greift zu kurz. Was Wegner antreibt, ist eine umfassendere Idee: Gärten sind für ihn Orte, an denen sich Mensch und Natur auf Augenhöhe begegnen, Raum, in dem Gemeinschaft entsteht.

Gemeinschaftlich geht er auch seine Projekte an. Er hat eine Vielzahl an Netzwerk-Partnern, die sich mit ihrer Arbeit oder ihrem ehrenamtlichen Engagement dafür einsetzen, Biodiversität, regionale Besonderheiten, resiliente Nahversorgung und Gemeinwohl für eine lebenswerte Zukunft zu erhalten.

Groß werden mit gelebter Gartenkultur

Aufgewachsen ist Wegner in einem Dorf im Rheinland. Seine Prägung beschreibt er in schlichten Worten: Die Nachbarn lebten in ihrer Freizeit in ihren Gärten. Mit Gelassenheit und Freude pflanzten, ernteten und verarbeiteten sie Gemüse und Obst. Das Saatgut wurde von den Großeltern weitervererbt. Es waren Gärten, die den Kreislauf der Natur widerspiegelten.

Für Wegner waren diese Erfahrungen gelebter Gartenkultur ausschlaggebend, eine Gärtnerlehre zu beginnen. Über die Jahre baute er einen eigenen Garten- und Landschaftsbaubetrieb auf. Doch irgendwann wurde ihm klar, dass sein Weg ihn woanders hinführte. Er verkaufte das Unternehmen, um sich ganz seiner Vision widmen zu können: Menschen zusammenzubringen, indem er mit ihnen gemeinsam naturnahe Orte schafft.

Ein Dorf pflanzt seine Gemeinschaft

Das erste Vorzeigeprojekt entstand schließlich in Christof Wegners Wahlheimat. Gemeinsam mit Dorfbewohnern wurde in Frickenhausen ein Gelände am Ortsrand zum „Lebensraum Dorf" umgestaltet. Diese Idee konnte verwirklicht werden, weil sie vom Bürgermeister, dem Gemeinderat und dem Amt für Ländliche Entwicklung unterstützt wurde, vor allem aber durch die Mitarbeit zahlreicher Bürgerinnen und Bürger.

34 Bäume wurden gepflanzt – jeder einzelne steht für eine Familie im Ort. Finanziert und in die Erde gebracht haben die Familien dabei ihre Bäume selbst. Jahr für Jahr verbinden sich nun die Wurzeln und Baumkronen immer mehr zu einer organischen Gemeinschaft. Lebendig, wachsend, ein kleines Ökosystem des Zusammenhalts.

Um die Bäume herum entstanden darüber hinaus artenreiche Blumenwiesen, viele davon durch so genannte Mähgutübertragungen – also mit Material, das direkt aus dem Ort stammt. „Aus dem Ort, für den Ort", wie Wegner es formuliert. Hinzu kamen ein naturnaher Spielplatz, Sitzmöglichkeiten, ein Gemüsegarten, eine Weidenlaube – kurz: ein Treffpunkt für alle Generationen.

"Das Schönste daran war, dass man beim Arbeiten ins Reden gekommen ist“, erzählt Christof Wegner. „Und plötzlich haben sich die Leute geöffnet, weil sie das, was sie taten, als sinnstiftend erfahren haben."

Heimische Materialien, regionale Kreisläufe

Was Wegners Arbeit von vielen konventionellen Gartengestaltern unterscheidet, ist seine Herangehensweise: „Über die Annäherung an die Natur im Außen können wir uns auch wieder mit Fragen über die eigene menschliche Natur auseinandersetzen“, sagt er. „Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie will oder kann ich mich ausdrücken? Wie will ich leben?“

Darüber hinaus legt Christof Wegner großen Wert auf den Charakter der Materialien. Verbaut werden ausschließlich heimische Steine und Hölzer. Wo immer möglich, nutzt er vor Ort vorhandene und gebrauchte Baumaterialien, um Ressourcen für künftige Generationen zu schonen. Bäume, Sträucher und Saatgut bezieht er nur von regionalen Baumschulen, Gärtnereien und Lieferanten.

Auch die Gestaltung folgt dem Grundsatz, sich in die bestehende Landschaft einzufügen. Wie ist der Kies hierhergekommen? Wie sind die Hügel und Täler entstanden? Wegner stellt sich und den Dorfbewohnern bewusst diese geologischen und historischen Fragen. Die Region wirklich zu verstehen, sei ein wichtiger Schritt – ebenso wie die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Menschen, die hier gelebt haben. Die Antworten, so Wegner, geben Mut, das Richtige für die Zukunft zu tun.

Aus Wegners Sicht ist es ein Urbedürfnis des Menschen, etwas zu gestalten, auszuprobieren, etwas zu ordnen und zu spielen, denn dabei erfährt der Mensch sich selbst.

Gartenbotschafter für eine ganze Region

Dass Wegners Arbeit weit über Frickenhausen hinaus ausstrahlt, zeigt seine Ernennung zum Gartenbotschafter für das Allgäu und ganz Schwaben – eine Auszeichnung der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, die Menschen würdigt, die sich besonders für Gartenkultur einsetzen. Was in Frickenhausen funktioniert hat, soll auch in anderen Dörfern und Gemeinschaften umgesetzt werden. 

Die Philosophie: Geben und Nehmen im Kreislauf

Wer Wegner länger zuhört, merkt, dass sein Gartenbegriff weit über das Handwerkliche hinausreicht. Für ihn ist der Garten ein Raum, der Freiheit gibt, Verantwortung zu leben. Man bekomme eine sichtbare Antwort auf sein Handeln. Es sei ein Prozess zu verstehen, was man nehmen dürfe und was man geben müsse, um in einer guten Balance zu sein.

Dieses Gleichgewicht überträgt sich nach Wegners Überzeugung auf das gesamte Leben – auf das Verhalten in der Familie, bei der Arbeit, beim Einkauf, im Umgang als Individuum in der Gemeinschaft. Auch die Jahreszeiten versteht er als Lehrmeister für das Leben.

Was Regionen gewinnen

Christof Wegners Ansatz zeigt, wie Naturgärten weit mehr bewirken können als ökologische Aufwertung. In Frickenhausen ist rund um den Mehrgenerationenplatz eine aktive und lebendige Dorfgemeinschaft entstanden, die sich mit ihrem Ort identifiziert und ihn gemeinsam weiterentwickelt. Kommunen im Allgäu lernen von seinem Beispiel, öffentliche Grünflächen so zu pflegen, dass Insekten überleben können – schonende Pflege statt radikaler Mahd. Unternehmen entdecken, dass Artenvielfalt und wirtschaftliche Nutzung kein Widerspruch sein müssen.

Was Wegner zu den Menschen trägt, ist im Kern eine einfache, aber wirkmächtige Idee: Wer gemeinsam mit den Händen in der Erde arbeitet, wer den Sinn seines Tuns spürt, der öffnet sich – für die Nachbarn, für die Natur und für die Zukunft des eigenen Ortes.