Vom Industriedenkmal zum Erlebnisort
Einst Glasschleife, heute Wasserkraftwerk und bald Natur- und Erlebnisort: Die Seebachschleife hat eine spannende Geschichte, die noch lange nicht zu Ende ist. Denn Christoph Pfeffer und sein Team entwickeln „die Schleif“ mit Kreativität und Knowhow zukunftstauglich weiter. So soll künftig in einer WasserWerkstatt die urgewaltige Kraft des Elements für Groß und Klein erfahrbar werden. In Zusammenarbeit mit HeimatUnternehmen und dem Verein Menschen.Machen.Heimat wird so aus einem Industriedenkmal nach und nach ein vielseitiger Veranstaltungsort. Ein offener Raum für Workshops, Klassenausflüge, Bildungsangebote, Gemeinschaft und Naturschutz.
Die Seebachschleife ist dafür wie geschaffen. Das Ensemble atmet förmlich Geschichte. Die Anlage am Großen Regen, zwischen Zwiesel und Bayerisch Eisenstein, wurde im 19. Jahrhundert von Glasfabrikant Wilhelm Abele als Glasschleife errichtet. 1882 wurde die Schleif zur bedeutendsten Spiegelschleife in Bayern umgebaut. Später fertigte Rodenstock hier Linsen und Brillengläser, ehe die Weltwirtschaftskrise das jähe Ende brachte. In den 1930er Jahren erfüllte die Seebachschleife eine andere wichtige Funktion und versorgte als Wasserkraftwerk Bayerisch Eisenstein mit Strom.
„Plötzlich war es keine Vision mehr, sondern tatsächlich machbar“
Als die Familie Pfeffer 1996 die Schleif erwarb, war die Schleif einsturzgefährdet und nur noch ein Schatten des einst blühenden Werkes. Dass der Ort heute wieder lebendig und innovativ ist, dafür haben tatkräftige HeimatUnternehmer gesorgt: Christoph Pfeffer, der seit 2006 in Regen ein Ingenieurbüro für Energie- und Umwelttechnik führt, betreibt die Anlage gemeinsam mit Michael Pfeffer. Als kreativer Kopf ist außerdem Fabian Weinzierl Teil des Teams, wenn es um die Weiterentwicklung zum Erlebnisort geht.
„Ich habe mir damals gedacht, das Objekt, die alte Schleife, ist zu schade, um einzustürzen. Ein energiegeladener Ort, der es verdient, für die Zukunft erhalten zu bleiben“, sagt Christoph Pfeffer rückblickend. Dass die Sanierung deutlich mehr Zeit, als erwartet, in Anspruch nahm, erforderte viel Geduld und Durchhaltevermögen. Doch nach rund zehn Jahren zahlte sich die Hartnäckigkeit aus, die Sanierung konnte über den Entschädigungsfonds für Denkmalobjekte in Bayern gefördert werden. „Plötzlich war es keine Vision mehr, sondern tatsächlich machbar!“, erinnert sich Christoph Pfeffer.
Tragwerk, Außenhülle, Statik, Dach – parallel modernisierte die Familie die Stromerzeugung, mit beeindruckendem Ergebnis: Bei der Übernahme der Anlage hatte sie nach fast 70 Jahren Laufzeit noch eine Leistung von etwa 60 Kilowatt, heute sind es in der Spitze beinahe 1000 Kilowatt. Das Besondere dabei ist, dass die Steigerung der Stromproduktion ohne massive Eingriffe in Gewässer gelang, sondern mit technischer Optimierung, die kaum in die natürlichen Gegebenheiten eingreift. So stammen mehr als 700 Kilowatt aus dem Arberseebach. Wasser vom Überlauf des Großen Arbersees fließt durch eine Druckrohrleitung über 300 Höhenmeter ins Tal. Die alte Wehrstelle am Arberseebach wurde renaturiert. Darüber hinaus wurde ein spezieller Fischschutzrechen eingebaut, was ebenfalls zu messbaren Erfolgen führte. Der Bestand an Bachforellen hat sich seither erholt und die verschwundene Mühlkoppe ist zurückgekehrt und hat eine stabile Population gebildet (s. Interview!). Ein beeindruckender Beweis dafür, dass die Kraft des Wassers genutzt werden kann, ohne dem Ökosystem zu schaden.
Natur und ganze Region profitieren
In der Verbindung von Ökologie und Ökonomie und der nachhaltigen Nutzung erneuerbarer Energien sieht Christoph Pfeffer große Chancen, gerade für den ländlichen Raum. Die Schleif entwickelt sich als Kombikraftwerk mit Photovoltaik zunehmend zu einem Labor für eine dezentrale, naturverträgliche Energieversorgung.
Gleichzeitig öffnet sich die Seebachschleife weiter für die Menschen in der Region und darüber hinaus. Bei den Tagen der Wasserkraft 2024 war der Andrang an neugierigen Besuchern gewaltig. Dem großen Interesse soll künftig auch die WasserWerkstatt Rechnung tragen. Dass an einem Ort, der bereits todgeweiht schien, heute wieder das Leben brummt wie eine Turbine, ist das Ergebnis von unternehmerischem Mut und der Vision, dass ein historisches Anwesen mehr sein kann als ein Denkmal. Die Schleif ist ein außergewöhnliches Beispiel dafür, wie es gelingen kann, ein geschichtsträchtiges Anwesen so weiterzuentwickeln, dass eine ganze Region und die Natur davon profitieren.
Christoph, du arbeitest mit und am Wasser - ist das für dich eine Energiequelle im doppelten Sinne, also sowohl technisch fürs Kraftwerk als auch für dich persönlich?
Christoph Pfeffer: Ja klar, Wasser ist eine wahnsinnige Energiequelle. Zum einen wird hier Energie direkt sichtbar und erlebbar. Zum anderen komme ich durch meine Arbeit mit den schönsten Orten in Bayern in Berührung. Viele unserer Einsatzorte liegen direkt an Gewässern, kleinen Flüssen, Bächen, im Prinzip dort, wo andere Erholung suchen oder Urlaub machen. Natürlich arbeiten wir auch im Büro, aber wir sind auch sehr viel in der Natur unterwegs, und das macht sehr viel Freude und gibt Kraft.
Ihr habt eine Methode gefunden, das Kraftwerk so zu betreiben, dass der Fischbestand sich erholt. Kann man euren Erfolg beziffern? Und freust du dich darüber?
Christoph Pfeffer: Bei der Neukonzeption unseres Kraftwerks in der Seebachschleife haben wir die Situation vorab genau unter die Lupe genommen und ganz gezielt Maßnahmen ergriffen, die dazu zu führen, dass trotz der Wasserkraftnutzung keine negativen Auswirkungen auf den Fischbestand entstehen. Nach der Baumaßnahme haben wir über beinahe zehn Jahre immer wieder Untersuchungen und Monitorings an unseren Gewässerabschnitten durchgeführt. Der Erfolg und die Wirksamkeit unserer Maßnahmen konnten dabei auch dokumentiert werden. In konkreten Zahlen konnten wir feststellen, dass die hauptsächlich vorkommenden Fischarten, in unserem Fall die Bachforelle und der Bachsaibling sich mehr als verdoppelt haben. Teilweise konnten wir eine Verdreifachung des Fischbestands feststellen. Besonders freut es mich, dass die zuvor nicht mehr vorhandene Mühlkoppe, die übrigens eine Rote-Liste-Art ist, heute wieder im Arberseebach vorhanden ist. Als wirksame Maßnahmen haben sich Strukturverbesserungen, ausreichend Mindestwasserführung und der Rückbau eines nicht mehr genutzten Querbauwerks bewiesen.
Warum wolltest du nach deinem Studium zurück in den Bayerwald? Du hättest doch überall hingehen können.
Christoph Pfeffer: Der Bayerwald ist meine Heimat und mein Lebenselixier. Für mich war immer klar, dass ich nach dem Studium wieder hier leben und arbeiten möchte. Hier gibt es so viele Aufgaben für mich und auch den Raum, mich in verschiedenen Richtungen vielfältig zu entwickeln. Es kommt auch noch dazu, dass ich gerne selbstständig arbeite. Die Selbständigkeit hat sich aber auch daraus ergeben, dass ich nach dem Studium im Jahr 2006 in unserer Gegend im Bayerischen Wald als Umweltingenieur gar keine geeignete Stelle gefunden habe. Niemand konnte einen Umweltingenieur brauchen. Ich habe mir damals gedacht: Dann versuche ich einfach selbstständig als Ingenieur zu arbeiten, und wenn das nicht klappt, kann ich immer noch nach einem Jahr Bewerbungen schreiben und woanders hingehen. Allerdings kam es nie dazu. Ich hatte zufällig ins Schwarze getroffen: Es gab kaum noch Ingenieure in meinem Fachgebiet. Heute habe ich ein Ingenieurbüro mit 15 bis 20 Mitarbeitern und bin mit meinen Themen Wasser, Umwelt, Energie in ganz Bayern tätig. Und dafür bin ich sehr dankbar.
Trägt die Seebachschleife dazu bei, Menschen für die Möglichkeiten alternativer Energie-Gewinnung zu begeistern? Bei Windrädern passiert ja oft das Gegenteil.
Christoph Pfeffer: Natürlich kann ich nicht für alle sprechen, aber ich meine, dass die Seebachschleife und die dort vorgestellten Techniken zur Energiegewinnung durchaus die Menschen begeistert. Wir haben regional und überregional immer Zuspruch bekommen, wenn wir unsere Anlagen der Öffentlichkeit gezeigt haben und auch bei unseren sonstigen Planungen im Bayerischen Wald rund um das Thema Wasserkraft bekommen wir in der Regel viel Unterstützung. Die Menschen schätzen die Wasserkraft heute als eine solide, zuverlässige und klimaneutrale Energiequelle, die unsere Region seit Generationen versorgt.
Ist euch das gelungen, was ihr erhofft habt, Leben in die Seebachschleife zu bringen? Und wo siehst du euch in 5 Jahren?
Christoph Pfeffer: Ich würde sagen, wir sind auf einem sehr guten Weg. Langsam laufen die ersten Veranstaltungen an. Wir hatten bereits sehr vielfältige Geschichten in der Seebachschleife, zum Beispiel vor Kurzem ein Umweltbildungsprojekt gemeinsam mit den Berufsschulen und dem Naturpark Bayerwald. Es wurde in der Seebachschleife ein Sensenbau-Mäh- und Dengelkurs abgehalten. Das war grandios! Wir hatten aber auch schon Feiern, Seminare, Bootsbau-Kurse, Messen zum Thema Nachhaltigkeit und Studentenexkursionen durchgeführt. In fünf Jahren hoffe ich, dass wir nicht nur im Probelauf, sondern in einem gewissen Dauerbetrieb ankommen und das ganze denkmalgeschützte Ensemble ganzjährig genutzt und bespielt werden kann.