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Mensch und Natur

Aus dem vielen Grün wird eine Vielfalt an Grün

Warum Kräuter, warum die Region, warum ein Netzwerk
31. Juli 2026
NordOberpfalz
© Cornelia Müller
Manche Themen lassen sich am besten aus der persönlichen Perspektive erzählen. Deshalb freuen wir uns, in diesem Artikel eine Stimme aus unserem Netzwerk zu Wort kommen zu lassen.
Cornelia Müller ist HeimatEntwicklerin in der NordOberpfalz. In ihrem Beitrag nimmt uns mit in ihre Region. Wir erfahren, wie aus der Entdeckung der Kräuter am Wegesrand ein lebendiges Netzwerk entstanden ist.

Mit der Ausbildung zur Zertifizierten Kräuterführerin wollte ich zunächst gar nichts weiter als etwas für mich. Als ich nach Studium, arbeiten in Berlin und von Reisen zurück ins Heimatdorf gekommen bin, war das durchaus ein wenig zäh. Es war so wenig los, so vieles gleich. Um mich herum war sehr viel Grün. Und dieses Grün war erst einmal genau das: viel Grün. Eine Wand, an der der Blick abrutscht. Man sieht das Ganze und darin nichts Einzelnes. Die Ausbildung machte ich, weil ich etwas für den Kopf, zum Lernen, suchte. Der erste Schritt über die Schwelle des Kloster- und Naturerlebnisgartens in Waldsassen war 2018, und ich ahnte damals nicht, was dieser Schritt verändern würde. Der erste Tag jedenfalls war eigen. Alle redeten von Dingen, die angeblich schmecken. Ich fand es grob bitter. Sie sprachen Giersch und wie wunderbar er sei. Ich sah „Strenzerla“, die ich in der Kindheit mit meiner Großtante, Oma, Mutter immer gewissenhaft ausrupfen musste.

Ein Schlüssel am Wegrand

Verändert hat es sich schnell, nicht im Kurs, aber am ersten Abend daheim. Mein Sohn stürzte mit dem Rad, ausgerechnet dort, wo nebenan eine stolze Schafgarbenweide stand. Von all dem Gehörten war mir in diesem Moment präsent: blutstillend. Also habe ich abgerupft, zwischen den Fingern zerrieben, mit ein wenig Spucke vermischt und auf die Wunde gelegt. Nach ein paar Sekunden hörte es auf zu bluten, am nächsten Tag lag schon neue Haut darüber.

Natur wirkt! Das war mein Schlüsselmoment. Und ich meine das ganz wörtlich. Es war, als hätte jemand den Schlüssel in meiner eigenen Sichtweise umgedreht. Vorher war da Grün. Danach waren da Schafgarbe, Spitzwegerich, Gundermann, Beifuß, Bilsenkraut, jede mit ihrem Können, ihrem Geschmack, ihrer Geschichte. Aus dem vielen Grün war mit einem einzigen Ereignis eine Vielfalt geworden. Für mich ist klar geworden: Wissen, das man hört, bleibt Wissen. Wissen, das einmal gewirkt hat, prägt sich ein und schafft Verbindung.

Die Natur schenkt uns so vieles, wir dürfen es auch annehmen.
– Cornelia Müller

Hinschauen ins Kleine

Danach ging vieles wie von selbst. Sammeln, trocknen, durch die Natur streifen, neue Pflanzen kennenlernen, ausprobieren, wieder verwerfen. Bücher, Experimente und Ideen sind seither durch meine Hände gewandert, und sehr viele Gespräche dazu.

Bäume haben mich schon immer fasziniert, jetzt auch die kleinen Pflanzengesellen, die Unscheinbaren, wie Moose und Flechten, und die Raren, die sich hier bei uns wohl fühlen. Dieser grüne Lebensraum ist so leichtlebig: Fällt ein Baum oder wird er gefällt, dann versuchen die nächsten ihr Glück, nutzen Sonne und Licht und geben Gas. Kommen die Bäume in diesem Geflecht an Beerensträuchern und Farnwedeln empor, verziehen sie sich wieder. Dieses Hin und Her, dieses Nutzen des Moments birgt eine wahre Vielfalt und viele überraschende Entdeckungen. Es verändert sich immer etwas, mit den Jahreszeiten, mit den Jahren. Die Natur ist ein ewiges Werden und Vergehen, aber auch Streben, um zu wachsen.

Warum ausgerechnet hier?

Die Natur ist ein Schatz, und der Schatz vor meiner Haustür ist ein besonderer. Die NordOberpfalz, die Stoapfalz, ist urtümlich. Zwischen den kleinen Orten mäandern Bäche, liegen Teiche, wechseln sich feuchte und magere Flächen ab, und mit ihnen wächst hier eine Artenvielfalt, die auch Seltenes trägt. Das ist kein Ausflugsziel und keine Kulisse. Das ist Alltag am Wegesrand, den man nur sehen muss.

Neben dieser Vielfalt hat sich mir aber noch eine zweite aufgetan, und die hat mich mindestens ebenso beschäftigt: die Vielfalt der Menschen, die damit umgehen. Der eine kommt über den Genuss, die andere heilkundlich, wieder jemand über das Sinnliche, über das Räuchern und die ätherischen Öle. Jede und jeder hat einen eigenen Zugang, und keiner davon ist der richtigere. Eine Region hat nicht nur eine Flora. Sie hat auch ihre Kundigen, und ohne sie bleibt das Wissen im Boden. Und ohne Raum, dieses weiterzugeben, würde es irgendwann auch wieder zu Boden getragen werden.

Vom Ordner zum Buch zum Projekt 

Am Anfang stand etwas ganz Banales und Persönliches. Die Unterlagen der Ausbildung hatten alle andere Formate, andere Schriften und als Architektin geht es mir um Ästhetik. Ich wusste, ich würde das nicht wieder in die Hand nehmen. Das vermittelte Wissen war aber viel zu interessant, ein Buch sollte man daraus machen. Schön, übersichtlich, ja, aber vor allem eines, das man benutzt.

Zusammen mit Sabine Brunner und dem KUBZ ist zuerst ein Buch für den Zertifikatslehrgang entstanden. Es war zu gut, um nur das zu sein. Also haben wir eine Druckerei gesucht, Mitmacher gefunden, und es wurde publiziert. Mittlerweile ist es vergriffen und in diesem Jahr in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage „Faszination Wildkräuter“ erschienen.

Wissen, das man hört, bleibt Wissen. Wissen, das einmal gewirkt hat, wird zur Haltung.
– Cornelia Müller

Der eigentliche Anfang von Kräuter&Leut war eine weitere Publikation. Eine, die ich realisieren wollte. Es ist aber viel Arbeit, daher suchte ich nach einer Projektmöglichkeit. Mein Gedanke war, die Vielfalt und die Kundigen dieser Region in einem Wildkräuterbuch zu versammeln, voller Rezepte, Ideen und Bräuche zum Selbermachen, um zu zeigen, was unsere Gegend kann, wie vielfältig die Region ist – an Mensch und Natur. Daraus wurde eine Zeitlang nichts. Geblieben ist das Konzeptpapier, und das hat seinen Weg gefunden: Im Rahmen von Land.belebt, einer Initiative der Ländlichen Entwicklung in Bayern, hat dieses Projekt einen guten Ort zum Wachsen bekommen. Manchmal ist das Beste an einer Idee, die nicht trägt, das Papier, das geduldig bleibt.

Zwei Jahre Projektierung. Und dann, im Ehrenamt, doch noch die gedruckte Vielfalt: WinterWeihnacht, das Werk eines Netzwerks, 33 Leute haben hier mitgewirkt. Am zwanzigsten Tag nach der Veröffentlichung ging es in den Nachdruck. Es enthält genau das, was der Anfang des Ganzen war, mit Fokus auf die staade Zeit.

Was ein Netzwerk trägt

Kräuter&Leut war von Beginn an grenzenfrei gedacht. Nicht entlang der Landkreisgrenzen und nicht entlang der Bezirksgrenzen, sondern entlang der Menschen und vor allem der Natur: Fichtelgebirge, Oberpfälzer Wald, Stiftland, Steinwald. In der stärksten Zeit waren über 75 Kräuterleut miteinander verbunden.

Beim „Adventsfensterln“ haben wir jeden Tag in die Stube von jemandem geschaut, der mit Kräutern arbeitet. Kleine Videos, wie ein Adventskalender, haben Einblicke gewährt und zum Nachmachen angeregt. Das hat uns eine ziemliche Aufmerksamkeit beschert, die uns selbst überrascht hat. Dazu kamen Angebote für Schule fürs Leben, die Regio-Packerl, eine Fortbildung mit der Ökologischen Bildungsstätte Hohenberg für kräutergestütztes Arbeiten mit Senioren, Wanderungen, Kräuter-Netzwerkeln, kleine Büchlein, ein Jahresprogramm mit über vierzig Veranstaltungen, mit dem KUBZ eine Corona-Alternative zum Perlentaucher-Programm und später die Konzeption für Perlentaucher 2.0 wurde entwickelt – und viele kleine Projekte mehr. Immer wieder war es interessant, wie bei jedem Einzelnen dieses Band zwischen Mensch und Natur einen besonderen Moment hatte, wie aktiviert wurde. Für jeden war es ein Erlebnis und eine Veränderung der Sichtweise.

Insgesamt ist ein buntes Paket an Projekten entstanden und im Kern immer dasselbe: Wir haben wenig Neues erfunden. Wir haben Vorhandenes miteinander verknüpft und neu in Wert gesetzt, Bedarf entdeckt und probiert, zusammen.

Eine Region hat nicht nur eine Flora. Sie hat auch ihre Kundigen.
– Cornelia Müller

Heute ist Kräuter&Leut vor allem über die Steckbriefe da, die gemeinschaftlich gefüllt werden und so das Wissen einer ganzen Region und darüber hinaus zugänglich machen. Gerade arbeite ich an der Überführung dieses Systems in eine neue Umgebung, eingebettet in noch mehr regionale Schätze. Spruchreif ist das noch nicht, aber es wird eine feine Heimat finden.

Wichtig ist einen Kümmerer. Jemanden im Hintergrund, bei dem die Fäden zusammenlaufen, der nachfragt, verbindet und jeden lässt, jede und jeder tickt anders. Vielfalt organisiert sich nicht von selbst. Sie braucht jemanden, der sie aushält und ihr Raum gibt. Die Projektzeit ist vorbei, ganz ohne Wehmut. Was geblieben ist, ist das Belastbare und eine Region, die reich ist: Kleingruppen, die sich zusammengetan haben. Leute, die ins Tun gekommen sind. Kontakte, die bis heute tragen. Ein Netzwerk, das einen Namen trägt, Kundige, die ihr Tun zeigen.

Was ich empfehlen würde?

Nicht: Gründet auch ein Kräuternetzwerk.

Sondern: Offen durch die Gegend gehen. Die Dinge anschauen, wie sie sind, und nicht, wie wir sie schon immer kennen. Fast überall liegt mehr herum, als man auf den ersten Blick sieht, an Wissen, an Können, an Orten und an Menschen. Der Schatz liegt selten woanders. Meistens liegt er dort, wo wir nicht mehr hinschauen, weil wir glauben, ihn schon zu kennen. Wenn Motivation und Interesse da sind, dann kann man anfangen zu tun, damit arbeiten. Beim einen ist es ein Konzeptpapier, beim anderen ein Tisch, an den man sich setzt, bis sich einer dazusetzt.


Cornelia Müller ist zertifizierte Kräuterführerin und Kräuterpädagogin, Architektin M. A., HeimatEntwicklerin NordOberpfalz und Geschäftsführerin feine Heimat gGmbH sowie Netzwerkkoordinatorin Kräuter&Leut

Hier geht`s zum offiziellen Webauftritt des Netzwerks Kräuter&Leut