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Begegnungsorte

Mir genga zum Lukas

Der Werdegang eines alten Wirtshauses, das zu einem Begegnungsort für Generationen, Inklusion und einem neuen Miteinander wurde
21. September 2026
Jura
© Ludwig Haas

Das Lukas-Anwesen in Berngau ist ein Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn ein historisches Gebäude nicht nur saniert, sondern gemeinsam mit den Menschen neu gedacht wird. Bücherei, Eltern-Kind-Gruppe, Gemeindeverwaltung, Angebote für Menschen mit Demenz und ein inklusives Wohnkonzept finden hier zusammen. Aus einem ehemaligen Wirtshaus ist ein Ort geworden, an dem unterschiedliche Generationen und Lebenssituationen ganz selbstverständlich aufeinandertreffen.

Wie kam es dazu? Manchmal beginnt eine gute Idee mit einem Satz, der zunächst gar nicht nach einer Lösung klingt. Aber von vorne.

Ein Sorgenkind mitten im Ort

Die Geschichte beginnt 2016 mit dem Prozess „Innerortsentwicklung Berngau“. Die Gemeinde wollte ihr Ortsbild aufwerten, den Verkehr reduzieren und die Ortsmitte insgesamt wieder stärker beleben. Initiiert wurde der Prozess von Dr. Klaus Zeitler, Büro SIREG, der als Soziologe die Gemeindeentwicklung Berngaus schon viele Jahre begleitet hat. Mit der „Ideenwerkstatt“ von nonconform, einer österreichischen Agentur, hatte man zudem ein fachliches Team an der Seite, welches sich auf die partizipative Ortsentwicklung spezialisiert hat.

Bei einer ersten Ortsbegehung waren all diejenigen mit dabei, die für das Leben in Berngau wichtig sind: Vertreter der Gemeinde, der Pfarrei, Ansprechpartner der örtlichen Banken und viele weitere Akteure aus dem Ort. Auch das ehemalige Gasthaus Lukas lag auf dem Weg. Das Gebäude hatte bereits bessere Zeiten gesehen. Einst war es ein Wirtshaus, von einem Geschwisterpaar geführt und eigentlich „der“ Treffpunkt in Berngau. Für viele Vereine war es das Vereinsheim. Hier traf man sich zum „Feierabendseidl“, beim Stammtisch oder auch zu Familienfeierlichkeiten. Nach dem Tod der beiden Geschwister stand das Wirtshaus leer. Zentral im Ortskern von Berngau und mit langer, interessanter Vergangenheit.
Ein erster Investor hatte sich gefunden und das Gebäude von den Erben erworben. Dieser wollte es im Sinne der Gemeinde und für deren Nutzungen wieder herrichten. Der erste Gedanke: Eine Arztpraxis im Erdgeschoss und Räumlichkeiten für eine ambulant betreute Wohngemeinschaft könnten hier geschaffen werden.
Schnell wurde dem neuen Eigentümer klar, dass der Aufwand dafür immens und die Umsetzung in der zeitlichen Vorstellung der Gemeinde nicht zu schaffen ist. In dieser Phase hat sich die Gemeinde entschieden, das Gebäude zu erwerben.

Doch die Idee, eine Arztpraxis in diesem zentralen Gebäude unterzubringen, überzeugte Architekt Gruber nicht. Eine einzelne Praxis, so seine Überlegung, würde zwar eine wichtige Funktion erfüllen – aber keine dauerhafte Belebung des Ortskerns schaffen. „Ihr müsst`s es aufreißen“, lautete daher sein Rat. Dieses Gebäude muss eine dominante Wirkung für den Ortskern entfalten und Leben in den Mittelpunkt von Berngau bringen.

Für Wolfgang Wild, damals Bürgermeister von Berngau, war das der Moment, in dem sich die Perspektive veränderte. Aus der Frage „Was können wir in diesem Gebäude unterbringen?“ wurde die viel größere Frage: „Was braucht unsere Ortsmitte?“

Was braucht ein Ort wirklich?

Die Antwort sollte nicht allein im Rathaus entstehen. Die Gemeinde startete einen Bürgerbeteiligungsprozess. Ideenboxen wurden aufgestellt. Allein dadurch kamen rund 200 Vorschläge zusammen.

Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass es im Ort bereits konkrete Bedarfe gab. Im Gebäude der ehemaligen Mädchenschule war die Bücherei untergebracht, die dort aus allen Nähten platzte. Außerdem befanden sich eine Eltern-Kind-Gruppen, das Büro des Bürgermeisters sowie der Sitzungssaal, der auch als Wahllokal genutzt wurde, nicht barrierefrei im Gebäude. Die Räumlichkeiten und Nutzungen waren also für Menschen mit eingeschränkter Mobilität nur sehr schwer erreichbar. Warum also nicht diese Funktionen an einem zentralen, barrierefreien Ort zusammenbringen?

Hinzu kam ein weiterer Partner: die Lebenshilfe Neumarkt. Über die bestehende Zusammenarbeit mit der Schule in Berngau war der Kontakt bereits vorhanden. Gesucht wurden Wohnungen für Menschen, die zwar Unterstützung benötigen – die für eine klassische betreute Wohneinrichtung jedoch zu eigenständig waren. Als Vertreter der Lebenshilfe das Lukas-Anwesen besichtigten, war die Begeisterung groß. Verschiedene Puzzleteile fügten sich zusammen.

Gegenwind gehört dazu

Solche Prozesse verlaufen selten geradlinig. Während die beteiligten Partner früh erkannten, welches Potenzial im Lukas steckte, war die Stimmung in Teilen der Bürgerschaft eine andere. „Reißt es weg, das alte Klump“, bekam Wolfgang Wild zu hören. Zu teuer sei eine Sanierung, zu marode das Gebäude. Auch die Berichterstattung in der Regionalpresse war zuweilen eher kritisch.

Was hält einen Bürgermeister in einer solchen Situation auf Kurs? Für Wild waren es vor allem die Menschen, die sich aktiv am Projekt beteiligten. Die Lebenshilfe Neumarkt, Vertreter von Bücherei und Eltern-Kind-Gruppen, Planer, Gemeindeentwickler Zeitler und vor allem auch Vertreter des Sachgebiets Städtebauförderung bei der Regierung der Oberpfalz sahen den großen Mehrwert des geplanten Projekts.

Und auch persönlich hatte das Haus für Wolfgang Wild Bedeutung. Er kannte das ehemalige Wirtshaus aus seiner Jugend, Erinnerungen an die sonntäglichen Frühschoppen und gesellige Stunden waren damit verbunden. Im Laufe des Projekts kamen weitere emotionale Momente hinzu. Einer der an der Sanierung beteiligten Handwerker brachte es sinngemäß auf den Punkt: Sein Großvater – Wilds Vorvorgänger im Bürgermeisteramt – und seine Familie hätten früher in diesem Haus gefeiert. Und nun durfte er selbst dabei helfen, es wieder herzurichten. 

Aus einem Gebäude wurde so auch ein Stück gemeinsamer Erinnerung.

Substanz mit Potenzial

Das größte Problem war zunächst: Man musste sich den neuen Lukas vorstellen können. Die Räume waren marode. Die Substanz wirkte auf den ersten Blick wenig verheißungsvoll. Selbst im Gemeinderat fiel es manchen schwer, hinter den Schäden das Potenzial zu erkennen. Doch Statiker und Architekten bestätigten nach und nach, dass die Grundsubstanz des Gebäudes erhaltenswert war. Besonders wertvoll war unter anderem eine großflächige Balkenbohlendecke aus Holz. Sie konnte erhalten werden und prägt heute die Decke der Bücherei.

Auch der ehemalige Stadtbaumeister von Neumarkt, zwischenzeitlich Kreisheimatpfleger, unterstützte die Gemeinde. Er bestätigte den historischen Wert des Gebäudes und fasste ihn ausführlich zusammen – eine wichtige Grundlage, um auch im Gemeinderat für den Erhalt zu werben. Denn Denkmalschutz und Ortsentwicklung waren hier keine Gegenspieler. Im Gegenteil: Gerade die Geschichte des Hauses wurde zur Grundlage für seine Zukunft. Selbst die äußere Gestalt nahm Bezug auf die Vergangenheit. Das Gebäude wurde wieder mit einem hohen, steilen Dach versehen – so, wie es vor einem Brand in den 1950er-Jahren ausgesehen hatte.

Viele Ideen, ein gemeinsamer Weg

Motiviert durch das Sachgebiet Städtebauförderung hat die Gemeinde letztlich einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben. 15 Vorschläge wurden eingereicht. Entscheidend war dabei nicht nur die Qualität des Siegerentwurfs. Entscheidend war auch der Prozess. Alle späteren Nutzer waren von Anfang an eingebunden. Der Gemeinderat, die Bürgerschaft und die verschiedenen Partner konnten ihre Perspektiven einbringen. Auch beim Architektenwettbewerb und Preisgericht durften die Beteiligten mitreden. So entstand das Konzept nicht am Reißbrett, es entwickelte sich mit den Menschen vor Ort.

„Das war einer der Erfolgsfaktoren“, sagt Wolfgang Wild rückblickend. Alle Beteiligten hätten den Sinn und den Nutzen des Projekts früh erkannt und daran festgehalten – auch dann, wenn es kritische oder mürrische Stimmen gab. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch die Städtebauförderung. Wild erinnert sich an die konstruktive Begleitung des Prozesses „Innerortsentwicklung Berngau“ durch den damaligen Sachbearbeiter Kagerer bei der Städtebauförderung. Die Unterstützung war nicht nur finanzieller Natur: Es gab jemanden, der das Projekt verstand und den langen Weg mitging.

Auch Wilds Nachfolger, Bürgermeister Thomas Meier, 2020 ins Amt gewählt, war maßgeblich für das gute Gelingen des Projekts verantwortlich. Für ihn und der überwiegenden Mehrheit im Gemeinderat stand es außer Zweifel die Umsetzung des Vorhabens in der Folgezeit weiter zu forcieren und so sehr wesentlich zum guten Gelingen beizutragen. 

Wenn aus Nutzung Begegnung wird

Heute zeigt sich, was „Aufreißen“ im besten Sinne bedeuten kann. Es ist nicht nur die nun wieder sehr dominante und lebendige Wirkung des Gebäudes. Das Lukas-Anwesen vereint unterschiedliche Nutzungen unter einem Dach. Die Bücherei ist eingezogen, die Eltern-Kind-Gruppe hat hier ihren Platz, der Bürgermeister arbeitet im Haus. Dazu kommen Wohnangebote der Lebenshilfe und weitere Wohnungen, die Menschen mit unterschiedlichen Lebenssituationen offenstehen.

Auch die Kontaktgruppe „Mir genga zum Lukas“ nutzt die Räume. Menschen mit und ohne Demenz treffen sich hier, tauschen sich aus und verbringen gemeinsam Zeit. Das Entscheidende daran ist weniger die Liste der Nutzungen als das, was im Lukas entsteht: Begegnung. Kinder kommen in die Eltern-Kind-Gruppe. Menschen holen Bücher aus der Bücherei. Angehörige und Betroffene treffen sich bei „Mir genga zum Lukas“. Menschen mit Unterstützungsbedarf wohnen mitten im Ort. Verwaltung findet dort statt, wo auch das alltägliche Leben stattfindet. Das Gebäude ist damit Teil eines lebendigen Gefüges.

Und die Wirkung geht über das Lukas-Anwesen hinaus. Der private Nachbar zog mit: Die ehemalige Bäckerei wurde ebenfalls saniert und für eine Arztpraxis zur Verfügung gestellt. Der schöne, gemeinsam genutzte Innenhof verbindet die beiden Anwesen und bestärkt das Gemeinschaftsgefühl am zentralen Ortsmittelpunkt von Berngau. Die ursprünglich geplante Arztpraxis kam also doch in die Ortsmitte – nur nicht so, wie man es sich anfangs gedacht hatte.

Ein Haus, das mehr kann als eine Nutzung

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis aus Berngau. Ortsentwicklung beginnt nicht zwingend mit einem fertigen Nutzungskonzept. Manchmal beginnt sie mit der Bereitschaft, eine Frage noch einmal neu zu stellen. Was kann ein Gebäude für unseren Ort möglich machen?

Das Lukas-Anwesen zeigt, wie viel HeimatMehrWert entstehen kann, wenn die Frage gemeinsam beantwortet wird. Durch Bürgerbeteiligung und starke Partner. Durch Fachwissen und Förderstrukturen. Und nicht zuletzt durch den Mut, an einer Idee festzuhalten, auch wenn sie nicht sofort alle überzeugt. Aus dem alten Wirtshaus wurde ein lebendiger Ort, an dem Vergangenheit sichtbar bleibt und die Gegenwart ihren Platz bekommt.

Vielleicht ist das die schönste Form von Innenentwicklung: Ein Gebäude bleibt seinem Ort erhalten, aber es bekommt die Freiheit, etwas Neues zu werden.