„Dorfzentren anders denken“
Wie kam es zum Engagement in Rumänien?
Stephan Müller: Ich war einer der wenigen, die nach der Wende nicht nach Westen, sondern nach Osten gereist sind. Dabei habe ich Menschen kennengelernt, die sich ganz unkompliziert um andere gekümmert haben. Genauso pragmatisch ging es mit den Straßenkindern los: Am Anfang haben wir einfach 30 Liter Suppe gekocht und verteilt. Später haben wir Duschen gebaut und Klamotten ausgegeben. Das ist immer weitergewachsen, wir haben Organisationen für uns gewonnen, die gemeinsam mit der Stadtverwaltung und uns Lösungen gefunden haben. Heute, 20 Jahre später, gibt es aufgrund des Engagements vieler Menschen, vor allem der Rumänen vor Ort, keine oder nur noch sehr vereinzelt Straßenkinder.
2004 folgte ein weiterer Meilenstein mit dem Beginn der Zusammenarbeit mit Siemens Healthineers am Standort Kemnath. Wie haben Sie es geschafft, hier einen Fuß in die Tür zu bekommen?
Stephan Müller: Mit den Ferienfreizeiten – und mit der genialen Zusammenarbeit mit dem damaligen Werksleiter. Das lief ein wenig wie in einem Film über StartUps: Eine gute Idee, ein selbstbewusster Anruf, gleich am nächsten Tag einen Termin bekommen, die ganze Nacht durchschreiben, völlig übermüdet das Konzept vorstellen und den Auftrag kriegen. Ein bisschen Glück gehört eben auch dazu. Und dann muss man die Chance ergreifen und loslegen. Alfred Koch (ehemaliger Standortleiter Siemens-Healthineers in Kemnath) ist übrigens heute noch mein Mentor. Mit Siemens hatten wir in der Folgezeit einen starken Fürsprecher, es folgten weitere, die mit uns zusammenarbeiten wollten. Das Entscheidende ist: Man darf „positiv verrückt“ und spontan sein, aber man muss auch hochprofessionell sein.
Diese Professionalität zeigt sich auch in den Strukturen Ihres Unternehmens.
Stephan Müller: Learning Campus ist eine hochdigitale Firma, wir arbeiten auch mit KI. Aber alle unsere Angebote sind face-to-face. Das funktioniert umso besser, eben weil die Bürokratie im Hintergrund komplett digitalisiert ist. Dadurch bleibt mehr Zeit für die Menschen.
Ihr Leitsatz lautet „Menschen ins Handeln bringen", Ihre Pädagogik ist konsequent handlungs- und erlebnisorientiert. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Stephan Müller: Ich bin selbst als junger Mensch von einem Sozialarbeiter ins Handeln gebracht worden und schließlich Sozialpädagoge geworden. Heute bringen wir Menschen ins Handeln. Das passt gut zu mir – ich komme ja ursprünglich aus dem Handwerk, als gelernter Bäcker. Wir brauchen mehr Menschen, die sich bewegen, die zupacken und einfach mal machen. Es braucht keinen Kultur-Fonds, um einen Maibaum aufzustellen.
Die Ferienfreizeiten waren nur der Anfang. Heute betreibt der Learning Campus als Freier Träger der Jugendhilfe beispielsweise in Trabitz ein Dorf im Dorf, mit innovativem Lernzentrum, Kita, stationärer Jugendhilfe und sogar einer Kirche, die zu einem Bildungs- und Begegnungsraum weiterentwickelt wurde. Welche Herausforderungen und Chancen birgt der ländliche Raum?
Stephan Müller: Wir versuchen, durch unsere Einrichtungen Teil eines lebendigen Zusammenlebens vor Ort zu sein – in Trabitz und in ganz Nordbayern. Wir müssen Dorfzentren anders denken. Wenn Kneipen und Tante-Emma-Läden schließen und Kirchen leer stehen – dann können soziale Einrichtungen wie Kitas zur Dorfmitte werden. Dort kommen und gehen jeden Tag Kinder mit ihren Familien, da ist was los. Weg mit den Zäunen, Fenster auf, es muss Alltag sein, sich zu sehen und miteinander zu interagieren. Aus meiner Sicht hat der ländliche Raum kein Limit, abgesehen vom ÖPNV. Die Mobilität sehe ich als größtes Handlungsfeld.
Ob Ganztagsbetreuung in der Schule, Waldkindergärten, Gruppenfahrten oder Team-Kompetenz-Trainings – der Learning Campus bringt Menschen zusammen und raus in die Natur…
Stephan Müller: Wir kommen aus dem Outdoor-Trainingsbereich, 2006 haben wir bereits unseren ersten Hochseilgarten gebaut. Ich fand es schon immer toll, mit Menschen in der Natur unterwegs zu sein. Uns geht es darum, prägende Erfahrungen zu ermöglichen. Im Mittelpunkt steht für uns immer der fühlende und forschende Mensch, der ins Handeln kommt.
In rund 25 Jahren hat sich Learning Campus zu einem großen Sozialunternehmen entwickelt, das mittlerweile sogar ein Campus Institut betreibt und Menschen weiterbildet. Wo geht die Reise hin?
Stephan Müller: Wir sehen uns als Dienstleister für die Region und gestalten sie tatkräftig mit – was gibt es Schöneres? Unser nächstes Ziel ist es, Jugendhilfe und Mehr-Generationen-Wohnen zusammenzubringen. Wir beschäftigen uns viel mit dem demografischen Wandel und sind überzeugt, dass alle Generationen voneinander profitieren können.
Ist das Modell Learning Campus auf andere Regionen übertragbar, die ähnliche Begegnungs- und Erlebnisorte schaffen wollen?
Stephan Müller: Ein Learning Campus ist überall möglich. Man braucht einfach Leute, die Bock darauf haben und es pragmatisch angehen. Außerdem ist Professionalität sehr wichtig. Wenn wir eine gute Idee auf den Tisch bringen, klopfen wir sie knallhart auf ihre Machbarkeit ab. Wir achten auch immer sehr darauf, dass ein Projekt gut in Bestehendes eingebunden ist. Dadurch werden wir sehr ernst genommen. Politik und Verwaltung unterstützen unsere Projekte. Es ist gut, wenn eine Kommune erkennt, dass Netzwerken mindestens so wichtig ist wie die Gewerbesteuer. Wir müssen Menschen und Ideen zusammenbringen.
Mehr dazu: Home - LearningCampus - Erlebnispädagogik aus erster Hand