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Leerstand beleben

Verliebt, verlobt, vermittelt

In Kötzting entsteht aus FreiRäumen lebendige Gründer-Szene
27. Oktober 2026
© HeimatUnternehmen Bayern
In vielen Kleinstädten erzählen leere Schaufenster von besseren Zeiten. In Bad Kötzting flirten sie. Seit 2023 bringt die Initiative FreiRäume ungenutzte Ladenflächen mit Menschen zusammen, die eine Idee haben und den Mut, sie umzusetzen – mit Humor, Ausdauer und einem starken Netzwerk. Inzwischen ist vor Ort eine lebendige Gründer-Szene entstanden. „Die FreiRäume waren ein Quanten-Sprung“, sagt HeimatEntwicklerin Carola Höcherl Neubauer.

„Willst du mit mir gehen?“ Wer durch die Innenstadt von Bad Kötzting bummelt, wird schon mal von einem Schaufenster angesprochen. Dahinter wartet keine Auslage, sondern ein leerer Raum, der sich eine neue Nutzung wünscht: ein Café vielleicht, ein Atelier, ein Büro oder etwas, an das noch niemand gedacht hat? Die augenzwinkernden Kontaktanzeigen auf den Glasfronten sind das Markenzeichen der FreiRäume – und Teil eines außerordentlich erfolgreichen Beispiels für die Belebung on Leerständen.

Ein Problem, das viele kennen

Die Ausgangslage ist in der Kurstadt im Bayerischen Wald nicht anders als in vielen Orten im ländlichen Raum. Der Handel steckt im Strukturwandel, Filialisten verdrängen inhabergeführte Geschäfte, der Onlinehandel wächst, und bei vielen Händlern ist die Nachfolge ungeklärt. Wandern dann noch Märkte an den Stadtrand, verliert die Mitte an Leben. „Donut-Effekt“, sagt Carola Höcherl Neubauer dazu. „Wir brauchen aber einen Krapfen, mit einer feinen Füllung innen.“

Das Problem: Jeder Leerstand macht den nächsten wahrscheinlicher. Der Stadtmarketing Bad Kötzting e. V. beschäftigt sich seit Jahren mit diesen Entwicklungen. Seit 2008 engagiert sich Carola Höcherl Neubauer dort ehrenamtlich. Ihr war es stets wichtig, dass es nicht nur um Kommerz geht, sondern auch um Kunst, Kultur und Soziales.

Mit Matthias Wutz brachte schließlich ein ortsansässiger junger Unternehmer den Stein ins Rollen, was letztlich zu den FreiRäumen führte. Der Gründer des „Gscheid Haferls“ (LINK zum Porträt im HU-Magazin) wagte 2015 den Schritt in die Selbstständigkeit. Aus eigener Erfahrung wusste er: Um eine gute Idee in die Tat umzusetzen, braucht es manchmal einfach ein wenig Mut – und natürlich einen freien Raum.

Genau das bieten die FreiRäume. Und noch viel mehr. Wer hier mitmacht, wird Teil eines ebenso kreativen wie zupackenden Netzwerks, das sich gegenseitig unterstützt und Ungeahntes möglich macht. Bereits beim ersten abendlichen Treffen im Jahr 2023 waren 55 Personen in der Rösterei von Matthias Wutz zusammengekommen, die passenderweise eine ehemalige Schmiede ist. Damals wurde sie zur Ideenschmiede. Ein hilfreicher Impuls von HeimatEntwickler Christian Skrodzki (LINK zum Interview im HU-Magazin) brachte den Funken endgültig zum Überspringen, es entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit eine Graswurzelbewegung, getragen von engagierten Unternehmern, Gründern, aufgeschlossenen Bürgern und sogar Schülern, die Lust daran hatten, ihre Heimat mitzugestalten. Und die Alte Metzgerei im Stadtzentrum, einst selbst ein Leerstand, wurde zu einer Keimzelle und zum Herz der Gründer-Bewegung.

Kötzting erfindet sich durch die FreiRäume permanent neu
– Carola Höcherl Neubauer

Hinter dem lockeren Auftritt der FreiRäume steckt viel Geduld und Überzeugungsarbeit: Leerstände müssen erfasst, Gespräche mit Eigentümern geführt, Vertrauen muss aufgebaut und faire Konditionen müssen ausgehandelt werden. Und am Ende braucht der Topf einen passenden Deckel, sprich: der Raum einen geeigneten Nutzer, der sich hier mit einer Geschäftsidee ausprobieren möchte. Dazu kommen Veranstaltungen und Aktionen, die die Innenstadt zu einem beliebten Treffpunkt machen.

„Kötzting erfindet sich durch die FreiRäume permanent neu“, sagt Carola Höcherl Neubauer. „Es lohnt sich, immer wieder hierher zu kommen, weil es jedes Mal etwas anderes zu sehen gibt.“ Von zwölf Leerständen entlang der Marktstraße wurden inzwischen zehn dauerhaft wiederbelebt. Und immer noch kommen neue Anfragen, der Pop-up-Store der FreiRäume ist auch für die kommenden Monate mit einer bunten Mischung von Angeboten ausgebucht. Offenbar ist Unternehmergeist ansteckend.

Weg vom Mangel, hin zur Möglichkeit

Entscheidend war, den Blick zu drehen – weg vom Mangel, hin zur Möglichkeit. Statt verklebter Scheiben mit „Zu vermieten“-Zettel gibt es Banner, die mit Wortwitz um neue Partner werben. Hat ein Raum sein Gegenüber gefunden, wird gefeiert: „Verliebt, verlobt, vermittelt.“

Eine Sonderrolle nimmt die Alte Metzgerei ein. Sie ist Zentrale und Testlabor. Wo früher Schinken und Leberkäs über die Theke gingen, ist heute der Sitz der Initiative. Die Stadt stellte das lange leerstehende Gebäude zur Verfügung, die Ehrenamtlichen packten selbst an: Sie rissen ab, sägten, strichen und lackierten und eröffneten im November 2024 neu.

Die rund 70 Quadratmeter sind Büro, Treffpunkt und Startrampe zugleich. Hier können Ausstellungen oder Schulungen stattfinden, hier lässt sich eine Idee zeitlich begrenzt am Markt testen. Wer danach mehr will als ein kurzes Gastspiel, dem helfen die FreiRäume bei der Suche nach einer dauerhaften Fläche in der Stadt. Genau dieser Weg – erst ausprobieren, dann bleiben – senkt die Hürde für Gründerinnen und Gründer erheblich.

Ausgezeichnet und gefragt

Der große Erfolg der Initiative blieb nicht unbemerkt. Im Oktober 2024 erhielten die FreiRäume im Bayerischen Wirtschaftsministerium in München einen Sonderpreis beim Bayerischen Stadtmarketingpreis – als einer von sechs Preisträgern unter 56 Bewerbungen. Der Bayerische Rundfunk berichtete, und beim Werkstattgespräch Stadtentwicklung von IHK Regensburg und Regierung der Oberpfalz stellten die Kötztinger ihren Weg der aktiven Vermittlung anderen Kommunen vor.

Inzwischen ist die Initiative auch strukturell fest verankert: Bei der Jahresversammlung des Stadtmarketingvereins am 1. Oktober 2026 wurde Matt Wutz als Verantwortlicher für die FreiRäume zum zweiten Vorsitzenden gewählt. An der Spitze des Vereins steht weiterhin Carola Höcherl Neubauer, zugleich dritte Bürgermeisterin der Stadt. Ehrenamt, Geschäftswelt und Kommune sitzen damit buchstäblich an einem Tisch.

Was andere davon lernen können

Ein Patentrezept gegen Leerstand gibt es nicht. Aber Bad Kötzting zeigt, was wirkt: ein gemeinsames Ziel von Stadt, Eigentümern und Unternehmern, ein Auftritt, der Lust macht statt Frust, ein fester Ort zum Ausprobieren und Menschen, die sich vernetzen und gegenseitig unterstützen. Vor allem aber zeigt es, dass echter Wandel nicht von außen kommt, sondern von innen – wie die feine Füllung eines Krapfens.

www.freiraeume-koetzting.de