In Freyung bieten die Bürger dem Leerstand Paroli
Mitten am Freyunger Stadtplatz zieht neues Leben ein. Im ehemaligen Passauer Hof duftet es nach Kaffee, in einer Werkstatt entstehen Gitarren und im historischen Eiskeller überraschen ungewöhnliche Klangmaschinen die Besucher. Der neue Gewölbehof bringt Menschen zusammen und gibt einem schon einige Zeit leerstehenden Gebäude eine Chance für die Zukunft. Künftig soll er den Bürgerinnen und Bürgern ein lebendiges Angebot mitten im Ort bieten. Aus tristem Leerstand wird bunte Heimat.
Dahinter steht eine Idee, die in Freyung bereits mehrfach erfolgreich umgesetzt wurde. Bürgerinnen und Bürger übernehmen Verantwortung für ihre Heimat. Sie gründen Genossenschaften, engagieren sich in Vereinen und entwickeln eigene Angebote. Die Stadt unterstützt sie dabei. So entstehen Projekte, die den Ort beleben und einen unmittelbaren Mehrwert für die Menschen schaffen.
Ein Stück Freyunger Geschichte kehrt zurück
Die Geschichte des heutigen Gewölbehofs reicht zurück ins Jahr 1578. Damals erhielten die Freyunger endlich die Erlaubnis, ein gemeinsames Brauhaus zu betreiben. Mehr als 300 Jahre lang wurde dort erfolgreich gebraut. 1918 erwarb die Passauer Löwenbrauerei das Anwesen. Bis 2021 war das Gebäude als Passauer Hof ein wichtiger Treffpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Zuletzt führte Wirt Herbert Schiller den Betrieb. Danach blieben die Türen geschlossen. Mitten am Stadtplatz stand ein prägendes Gebäude leer.
Die Stadt Freyung erwarb den Passauer Hof im Jahr 2022. Damit war die Grundlage für einen Neuanfang geschaffen. Der Verein Heimat Freyung e. V. entwickelte ein Nutzungskonzept, das den historischen Charakter bewahrt und zugleich neue Möglichkeiten eröffnet. Erster Vorsitzender ist Bürgermeister Olaf Heinrich, zweiter Vorsitzender der Kulturmacher und Kreativkopf Roland Pongratz. Das Ziel ist eine möglichst vielfältige Nutzung. Das Gebäude soll kein abgeschlossener Veranstaltungsort sein, sondern ein Platz für den Alltag, für Kunst und Kultur sowie für neue Ideen.
Ein Café, eine Werkstatt und ein Eiskeller voller Klänge
In einem ersten Schritt ging es darum, den Freyungern und ihren Gästen zu zeigen, was das Gebäude noch oder wieder kann: Leben in die Bude bringen. Rechtzeitig zur Bayerischen Landesausstellung 2026 „Musik in Bayern“ sollte das mächtige Gebäude im Herzen der Kreisstadt zumindest temporär wieder mit Leben gefüllt werden. Dafür wurden Verbündete gesucht und gefunden: Im Erdgeschoss hat das Forest Café samt eigener Rösterei eröffnet. Alle Generationen treffen sich dort oder auf der Freiterrasse zum entspannten Plausch und genüsslichen Schmaus. Eine Gitarrenbauwerkstatt bringt hinter einem großen Schaufenster neues Handwerk ins Haus und Interessierte aus Nah und Fern direkt an die Hobelbank. Im großen Eiskeller zeigen Gerald „Greulix“ Schrank und Christian „Taison“ Heiß vom Künstlerduo Portmanteau ihre Ausstellung „Fake Noise“. Ihre Klangmaschinen laden zum Hören, Schauen und Ausprobieren ein. Die Installationen überraschen, amüsieren und wecken Neugier. Das Angebot spricht Menschen unterschiedlicher Generationen an und macht den historischen Keller zu einem besonderen Kulturort.
Weitere Nutzungen sollen über 2026 hinaus folgen. Auf drei Stockwerken bietet das Gebäude Platz für unterschiedliche Ideen. Denkbar sind Ateliers, Veranstaltungsräume und Angebote für Bewegung und Begegnung. Auch der 54 Meter lange und sieben Meter breite Gewölbekeller eröffnet künftig vielfältige Möglichkeiten für Konzerte, Ausstellungen und weitere Veranstaltungsformate. Sowohl die Verantwortlichen der Ländlichen Entwicklung in Bayern, als auch die Städtebauförderung der Regierung von Niederbayern haben bereits ihre Unterstützung signalisiert.
Der Gewölbehof wächst Schritt für Schritt. Verschiedene Nutzungen bringen unterschiedliche Menschen ins Haus. Das Café sorgt für regelmäßige Besuche, die Werkstatt schafft einen Ort für handwerkliche Arbeit und die Ausstellung macht Kultur mitten in der Stadt erlebbar. Genau darin liegt die Chance für die Innenstadt. Ein belebtes Gebäude zieht Menschen an. Davon können auch umliegende Geschäfte und Betriebe profitieren. Aus einem früheren Leerstand entsteht ein neuer Anziehungspunkt für Freyung und die Region.
Gemeinsam mehr erreichen
Der Gewölbehof ist kein Einzelfall. Freyung hat bereits gezeigt, dass gemeinschaftliches Engagement tragfähige Lösungen hervorbringen kann. Peter Sammer und Friedrich Zellner haben eine genossenschaftlich betriebene Sauna aufgebaut, die Sofy. Das Projekt schafft ein Wellness- und Freizeitangebot vor Ort und bringt Menschen zusammen. Die Mitglieder tragen die Idee gemeinsam und ermöglichen den Betrieb durch ihr Engagement. Auch die Brauerei Lang Bräu Freyung konnte mithilfe einer Genossenschaft gerettet, wiederbelebt und modernisiert werden. Viele Menschen haben sich zusammengeschlossen, um ihre traditionsreiche Brauerei zu erhalten und für die Zukunft aufzustellen. Die Beteiligten erhalten ihre Rendite unter anderem in Form von Naturalien, nämlich Bier.
Die drei Projekte zeigen, dass Bürgerengagement ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen kann. Es bewahrt bestehende Betriebe, schafft neue Angebote und gibt ungenutzten Gebäuden eine Zukunft. Entscheidend sind Menschen, die Verantwortung übernehmen und gemeinsam an einer Lösung arbeiten.
Mehr Leben für die Heimat
Leerstand betrifft nicht nur ein einzelnes Gebäude. Er verändert auch das Umfeld. Wenn Türen dauerhaft geschlossen bleiben, fehlen Treffpunkte und Anlässe, die Menschen in die Ortsmitte bringen. Neue Nutzungen wirken dem entgegen. Ein Café schafft Begegnungen, kulturelle Angebote bringen Besucher in die Stadt und Werkstätten bieten Raum für handwerkliches Arbeiten. Erfolgreiche Projekte können weitere Unternehmen anziehen und neue Arbeitsplätze schaffen. Auch der soziale Gewinn ist groß. Menschen lernen sich kennen, entwickeln gemeinsame Ideen und erleben, dass ihr Einsatz etwas bewirkt. Daraus entstehen Zusammenhalt und neue Perspektiven für den eigenen Ort.
Bürgermeister Olaf Heinrich vertritt die Überzeugung, dass der Staat nicht alle Herausforderungen lösen kann. Bürgerinnen und Bürger müssen selbst anpacken, wenn sie ihre Heimat lebenswert erhalten wollen. Die Kommune kann diesen Einsatz unterstützen, geeignete Rahmenbedingungen schaffen und Projekte ermöglichen. In Freyung haben sich Vereine und Genossenschaften dafür bewährt. Sie bündeln Ideen, verteilen Verantwortung und machen es möglich, dass viele Menschen gemeinsam etwas aufbauen. Die Kommune bleibt dabei eine wichtige Partnerin.
Heimat ist Lebensqualität
Richard Gibis, Genosse der Lang Bräu Freyung eG, bringt den Gedanken auf den Punkt. „Heimat ist ein Stück Lebensqualität und jeder kann mitwirken, die Heimat zu erhalten und zu gestalten.“ Dieser Satz passt auch zum Gewölbehof. Der Erhalt des historischen Gebäudes ist nur der Anfang. Erst durch die Menschen, die dort arbeiten, einkehren und Kultur erleben, gewinnt das Haus seine Bedeutung zurück. Der direkte Mehrwert ist sichtbar und spürbar. Ein zentraler Ort wird wieder genutzt. Neue Angebote entstehen. Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Die Innenstadt gewinnt an Attraktivität.
Die Freyunger Beispiele machen Mut, auch andernorts genauer hinzusehen. Leerstehende Gebäude müssen kein dauerhafter Zustand bleiben. Mit einer guten Idee, engagierten Menschen und kommunaler Unterstützung können daraus Orte entstehen, die einer ganzen Region dienen. In Freyung ist dieser Wandel bereits in Gang. Der Gewölbehof steht dafür, dass Heimat nicht allein von ihrer Geschichte lebt. Sie braucht Menschen, die die Zukunft gemeinsam gestalten - auch wenn es manchmal einen langen Atem dafür braucht.